Home Mythenwesen - Fylgja und Walküre



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Die automatische Übersetzung ist zwangsläufig ungenau. Diese Übersetzung ersetzt nicht die Lektüre der deutschen oder englischen Original-Texte.

Die Fylgja
Seite an Seite durch Leben und Tod.

Das Wesen der Schicksalsfrauen Germanische Glaubensvorstellungen zu beschreiben ist aus mancherlei Gründen schwer; zum einen war jener Glaube in keiner Weise dogmatisch festgelegt und somit für jeden Wandel offen, zum anderen gab es keine schriftliche Überlieferung, so daß sich im Laufe der Zeit ähnliche Vorstellungen verschiedener Regionen und Kulturkreise überlagerten und einander beeinflußten.

fylia01Spirituelle Wesen sind schon ihrer Natur nach flüchtig. So blieb auch jenes Wesen von dem Wandel nicht verschont, das die nordische Mythologie fylgja (pl. fylgjur ) nennt. Golther1 beschreibt die Fylgja oder Folgerin als „ein jedem Menschen beiwohnendes Wesen, die Seele“ ... die unerkannt schon der Geburt beiwohne und sich ihrem Besitzer und anderen Menschen namentlich vor dessen Tod zeige. Dabei trage sie die Züge des Menschen oder nehme eine beliebige Tiergestalt an. Sie wurde schließlich „zu einem Schutzgeist in Frauengestalt, zu einer Schicksalsgöttin“, die entweder über einen einzelnen Menschen oder auch über eine ganze Sippe wacht.
An anderer Stelle (ebd. S. 316) heißt es zu den Walküren: „In Odins Mädchen vereinigen sich mehrere Gestalten, die gesondert auch sonst vorkommen: ....seelische Geister, Fylgien, die dem Todgeweihten sichtbar werden, irdische Weiber, welche beim prächtigen Gelage in des Königs Halle den Trunk herumreichen, Frauen, die ... die Waffen der Männer anlegten ...“

Ob Fylgien, Disen, Nornen oder Walküren, es sind „Schicksalsfrauen, die das Leben eines Menschen von der Geburt bis zum Tod lenken“ und die – von anderen unbemerkt – schon bei der Geburt der Söhne zugegen sind (ebd. S.104 ff). Sie alle können ihre Gestalt wechseln, zumal ja ihr menschliches Aussehen auch nur eine ihrer Erscheinungsformen ist. Im Leben ihres Schützlings lassen sie sich in ihrer menschlichen Gestalt – wenn überhaupt – vielleicht als Traumbild erblicken; eher schon erscheinen sie als Tier, als Vogel oder Raubtier. Von den Walküren heißt es, daß sie als Schwäne davonfliegen (Wielandlied), während andere als todbringende Bestien, so auch als Wolf oder Bär erscheinen.

Aus ihrem lebensbegleitenden umsorgenden Dabeisein erwächst schließlich ein so inniges Verhältnis, daß die Fylgja oder Walküre – nachdem sie ihrem Schützling den vorbestimmten Tod gebracht hat – den Toten im Grab aufsucht, ihm den lebensspendenden Trunk, alu2 , bringt und sich in Liebe mit ihm vereint. Mit der Entwicklung der Walhallidee geleitet sie ihren Helden in Odins Halle, versorgt ihn mit dem Notwendigen – Met zum Beispiel – und bleibt die Partnerin an seiner Seite.

Was sonst nur bruchstückhaft aus Inschriften, Steinritzungen und Dichtung (Edda) erschlossen werden kann, bietet das angelsächsische Runenkästchen, Franks Casket, vollständig und in allen Facetten. Seine Bilderfolge stellt emblematisch den Lebenslauf eines königlichen Helden dar. Natürlich spielt darin die schicksalhafte Begleiterin eine bestimmende Rolle. Um ihren Beistand tagtäglich herbeizuwünschen, mußte sie tagtäglich zitiert werden. Was eignete sich da besser, als seine Schatulle, in der er die Kleinode seiner Beutezüge sammelt, und aus der er beim Umtrunk in der Halle seine Gefolgsleute durch Gaben ehrt.

Das Wesen an der Wiege

fylia02Ein solcher Lebenslauf beginnt mit der Geburt, und stellvertretend dafür hat der Schnitzer die Geburt Jesu gewählt, wobei es ihm auch so sehr auf die Gegenwart der gabenbringenden Zauberpriester ankommt, daß er sie mit der runischen Inschrift „Mægi“ zitiert. Ihre Wahl entspricht der dreifach alliterierenden g-Rune [g-Rune], die „Gabe“ bedeutet.

Scheinbar folgt er bei der Darstellung der syrisch-orientalischen Bildformel, wo Jungfrau und Kind rechts im Bild frontal dargestellt werden, während sich von links die drei Weisen aus dem Orient – Rangfolge und Haltung sind festgelegt – demutsvoll dem Thron nähern. 3 Wie die Kleinkönige einem Imperator, so bringen sie der „Heiligen Familie“ den schuldigen Tribut. Nur sind Gold, Weihrauch und Myrrhe eher symbolische Gaben für den Verlauf von Leben und Tod.

Zwischen Thron und Besuchern steht auf Bildern dieses Typs der Engel. Dort ist er weder der wegweisende Führer der Ankömmlinge noch der Schutzengel des Neugeborenen. Er ist, was schon der Name besagt, Gottes Botschafter. Als solcher füllt er hier die Rolle des Zeremonienmeisters – wir würden heute Protokollchef sagen – aus. Er achtet darauf, daß die Besucher die notwendige Ehrerbietung zeigen und gestattet die Audienz.

Was aber macht unser Schnitzer daraus, wo er sonst jedes Detail seiner Vorlage, vom Kreuzesnimbus bis hin zum Suppedaneum (Fußschemel), getreulich wiedergibt? Er plaziert einen Wasservogel, Gans oder Schwan, an eben die Stelle des himmlischen Zeremonienmeisters. Das ist keine Fehlinterpretation der Vorlage, sondern eine bewußte Änderung der Formel. Der wohl noch heidnische Runenmeister hatte keine dogmatischen Vorbehalte gegenüber christlichen Formeln, doch er füllte sie mit Inhalten seiner Vorstellungswelt. Ob der Odinsknoten (a.n. valknut) über dem Rücken des letzten der Drei die Mithraspriester zu Goden macht, das sei dahingestellt; doch der Vogel entspringt seiner Vorstellungswelt.

Jene Schicksalsfrauen, Fylgien oder Walküren, nehmen Vogelgestalt an, und so sind sie unerkannt bei der Geburt gegenwärtig. Wenn der Volksglaube schließlich den Schutzengel ersinnt (denn biblisch ist der nicht), dann behängt er den göttlichen Botschafter mit den Eigenschaften der Schicksalsfrauen, die schließlich in ihm auch zum Todesengel werden. So verdrängt nun die Fylgja, die wachsame Begleiterin, den gebieterischen Angelos, den höfischen Protokollchef.
Unser Schnitzer nützt also die christliche Bildformel (so wie das Heidentum immer schon gerne überlegene Vorstellungen übernahm) und ändert sie da, wo er seine Mittel für wirksamer hält. Der junge Held, dem dieses Emblem gewidmet ist, braucht den Schutz seiner Fylgja. Und die ist nun einmal kein geflügelter Mensch, sondern ein hilfreiches Wesen, das hier als Vogel gegenwärtig ist.

Helferin in der Not

Links neben diese Szene setzt der Schnitzer eine Darstellung von der grausamen Rache, Wieland, des mythischen Schmiedes. Dieses Nebeneinander von Nächstenliebe und Vergeltung ist nicht so widersprüchlich, wie es scheint.

Zum einen geht es nicht um bloße Rache, sondern um die Freiheit des gefangenen Alben, zum anderen gilt Wieland – und das führte ja zu seiner Versklavung – als Quell des Reichtums. Und dies entspricht der anderen alliterierenden Rune der Inschrift (Verse vom Wal), wo die f-Rune [f-Rune] dreimal den Stab trägt. Ihr ursprünglicher Name „Vieh“, war gleichbedeutend mit „Reichtum“. 4 Eine Bildformel, die also den sagenhaften Schmied zitiert, kommt nicht ohne die zwei Elemente aus, Rache und Flucht.5
fylia03Zum anderen verbindet die beiden Bilder ein gemeinsamer Zug, die Gegenwart der Fylgja. Während im linken Bildteil der Schmied seine Rache mit der Verführung der Königstochter beendet (der Königssohn liegt enthauptet unter dem Amboß, sein Kopf in der Schmiedezange), zeigt der rechte Bildteil davonfliegende Vögel, die der König (?) zu fangen versucht, von denen aber einer, der befreite Albe nun in Vogelgestalt, entkommt. Zwischen diesen beiden Bildelementen, abgegrenzt durch zwei floral geformte Runenzeichen verbirgt sich eine z-RuneFrauengestaltz-Rune, ein Bildelement, das sich auf keiner anderen Wielanddarstellung findet. Sie brachte das Bier, mit dem der Schmied das Mädchen gefügig machte.

fylia04Wenn die Eltern aus der vergoldeten Hirnschale ihres Sohnes trinken, womit sie seinen Geist auslöschen, und wenn die Tochter mit dem Kind des Gefangenen schwanger ist, dann ist ihre Macht, die sich in der Generationenkette begründet, gebrochen. Erst dadurch wird der gefangene Albe frei und kann nun wieder seine Gestalt nach Belieben wandeln. Und dazu verhalf ihm seine Fylgja. Diese Annahme liegt nahe, denn die Rune z-Rune bezeichnet das Schilfgras, eolhsecg, Heimat der Schwäne, deren Gestalt die Walküren gerne annehmen. Außerdem heißt es im Runenlied, daß sein scharfes Blatt den Krieger mit Blut bedecke, was ja letztlich dem Wesen der todbringenden Walküre entspricht. Wohl nicht zufällig bezeichnete ne. elk in elk-sedge, Schilfgras, auch die Wildgans (lat. anas anser und den Wildschwan, cygnus ferus, beides charakteristische Erscheinungsformen der Fylgja oder Walküre.

Nach dem Wielandlied ( Vœlundarkviða ) waren die 3 Brüder, Vœlund, Egil und Slagfið über 7 Jahre mit 3 Schwanenjungfrauen verbunden, bevor die Mädchen davonflogen, um als Walküren zu wirken. Eine von ihnen hieß Ölrun, was man mit „Biergeheimnis“ übersetzen kann. Da Wieland und seine Partnerin Wesen einer elfisch-albischen Sphäre sind, wird er seine Helferin sogar gesehen haben, was gewöhnlichen Sterblichen nicht vergönnt ist.

Ähnlich wie mit dem Magierbild, so will der Runenmeister auch hier seinem Schützling zum einen Wohlstand und zum anderen Beistand sichern, den Beistand seines Schutzgeistes, der Fylgja.

Gefährtin im Kampf

Das Leben eines Kriegerkönigs ist durch den Kampf bestimmt. Sobald er sein Herrschaftsgebiet verläßt, befindet er sich im Feindesland. Die r-Rune [r-Rune] bedeutet „Ritt“ und meint, wie es im Runengedicht heißt, den gefährlichen Ritt des Kriegers über die fremden Landstraßen.
Was eignet sich an dieser Stelle besser als das Bild von Romulus und Remus? Sie sind die Söhne des römischen Kriegsgottes Mars, der in dieser Funktion Kollege Wodens (Odin / Wotans) ist. So wie letzterer zwei Wölfe an seiner Seite hat, so haben die Zwillinge wenigstens einen, jene Wölfin, die sie säugte. Zudem werden sie – ähnlich wie die Dioskuren Castor und Pollux – als Reisehelfer verehrt: für Krieger eine ganz besondere Adresse, da Romulus selber nach seiner Himmelfahrt als Kriegsgott Quirinus an der Seite seines Vaters Mars saß. Während Mars der Gott der jungen Männer war, der sich insbesondere um deren militärische Ausbildung kümmerte, galt Quirinus wohl als Schutzgott der Heeresmacht in Friedenszeiten.

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Um sicher zu sein, daß auch Woden angemessen vertreten ist, gesellt der Schnitzer den römischen Zwillingen einen zweiten Wolf bei, und macht sie so zu Geri und Freki. Die Szene verlegt er weg von der Grotte am Tiber in den „heiligen Hein“, wo vier Krieger andächtig knien. Jedem ist, wie die Zweigrunen der Bäume verraten, sein Los bestimmt.

Wo aber verbirgt sich die Fylgja? In ihrer menschlichen Gestalt zeigt sie sich den Lebenden nicht, wohl aber in Tiergestalt, wobei besonders Wolf und Bär Manifestationen ihrer Wahl gewesen sein sollen. Als Walküre der Schlacht erfüllt sie ähnliche Aufgaben wie Wodens Wölfe oder Raben. Es liegt also nahe, sie auch hier im Zentrum der Darstellung zu vermuten, wohlmöglich als Wodens zweiter Wolf.

Stifterin von Sieg ...

fylia06Ein so vorbereiteter Feldzug wird natürlich nur durch den ruhmvollen Sieg gekrönt, der dann nach der Entfaltung königlicher Tugenden verlangt: Belohnung für die einen, Strafe für die anderen. Gerechtigkeit. Das alles ist in der t-Rune [t-Rune] enthalten, die den Namen des alten Kriegsgottes Tiw oder Tir, der als Gott des richterlichen Things verehrt wurde. Der Runenmeister wählt wiederum die römische Tradition, wo er für den gesuchten Anlaut mit Titus nicht nur einen erfolgreichen Feldherren findet, sondern auch den späteren Kaiser über das Weltreich. Welch schöneres Emblem könnte sich sein Schützling wünschen?

Und so schnitzt der Runenmeister vier Szenen von der Eroberung Jerusalems im Jahre 70 n. Chr.: Angriff der Römer, Flucht der Juden, Gericht mit Lohn und Strafe, Abführung der Geiseln. Aber wo verbirgt sich die Fylgja? Wir, die Lebenden müssen raten, da sie sich uns nicht zeigt. Doch sie setzt ein uns bekanntes Zeichen. Der große Bogen, der das Bild im Zentrum teilt, wird von dem floralen Element (ähnlich der Rune z-Rune) gekrönt, das schon Wielands Helferin als Walküre oder Fylgja kennzeichnete. Die Tiere, die hier paarweise übereinandergesetzt sind, lassen sich als die Begleiter der beiden Kriegsgötter Tiw und Woden deuten. Ersterem sind zwei Pferde beigesellt, während Woden von zwei Wölfen und Raben begleitet wird. In dieser Folge (von unten nach oben) könnten sie dargestellt sein, alles Wesen, in denen der Schutzgeist sich den Menschen zeigt. Der kolossale Bogen, der an einen antiken Tempel erinnert, ist der angemessene Ort für die jenseitigen Mächte, die das Kriegsglück bestimmen. Unter einem anderen Bogen werden wir die Fylgja in ihrer menschlichen Gestalt später wiedersehen.

... und Niederlage

fylia07Der Held mag sich eine zeitlang auf dem Gipfel der Macht verweilen, doch das Leben hält nicht inne. Ein Kriegerkönig, wenn er nicht in Hel eingehen will, stirbt im Kampf. Er stirbt nicht, weil er dem Gegner unterlegen ist, sondern weil ihm seine Fylgja, nun als Walküre, als Wodens Schlacht-Erwählerin sichtbar wird, die den Erwählten durch ihren furchterregenden Anblick lähmt und dem Gegner so die Möglichkeit gibt, ihn zu töten. Da ist zunächst das Unglück, das der Text mit der alliterierenden h-Rune [h-Rune] beschreibt. Der Runenname ist ‚Hagel’, was mit Unglück und Verderben gleichbedeutend ist. Der Name, der damit anlautet, ist Herh-os, was „Wald (Hag)-Gottheit (Ase)“ bedeutet.

Das Bild gibt vermutlich eine verlorene Sage um einen germanischen Helden wieder. Im Augenblick des Todes begegnet er (linke Szene) einer Schreckensgestalt, einem Wesen, das sich hier aus den unterschiedlichen Erscheinungsformen der Walküre (z.B. Vogel, Pferd, Schlange, Mensch) zusammensetzt. Und eben die ist es, die ihm einen Zweig entgegenstreckt, der sein Schicksal (Zweigrunen) birgt. Die drei Worte im Bild (risci > wudu > bita ,) lassen den Zweig zum tödlichen Speer werden. In Vogelgestalt, diese Deutung bietet sich an, fliegt sie von ihrem angestammten Ort, dem Harmberg, zum Grab des gefallenen Helden, so wie es die mittlere Szene darstellt.

fylia08Neben dem Hügel steht sie, die Walküre, den todbringenden Speer in der Hand, den Pokal mit dem belebenden alu (Bier ist das heute) dicht dabei. 2 Sie wird den Toten im Grab aufsuchen, ihm den Trank einflößen, um sich dann in Liebe mit ihm zu vereinen. Damit ist nun die andere alliterierende Rune, die s-Rune [s-Rune] zur Wirkung gekommen. Sie hat den Namen ‚Sonne’, was gleichbedeutend mit Licht und Leben ist.

Das Pferd neben dem Grab ist von besonderer Natur. Ähnlich wie auf den gotländischen Bildsteinen ist es durch die "Odinsknoten", valknutr dem Geheiligten Bereich zugeordnet, nach jüngerer Auffassung Sleipnir vielleicht, Odins Achtbeiner.

Begleiterin nach Walhall
Die Walküre hat den Helden für würdig befunden, sich in die Schar der Einherjer (Wodens Krieger) einzureihen. So führt sie den Wiederbelebten hoch zu Roß nach Walhall, wo er seinen Platz unter Wodens Erwählten einnimmt. In dieser Vorstellung mag sich die Realtät wiederspiegeln, in welcher der gefallene Held, über den Rücken seines Pferdes gelegt, zu seiner Halle zurückgeführt wird. Diese "Dreiheit", der Held, das Pferd und die Fylgja, findet ihren Ausdruck in dem Satz:
Marr er mans fylgja ~ Die Mähre ist des Menschen Folgegeist.

Damit hat der Schnitzer seinem Schützling ein standesgemäßes Ableben gesichert. Nur sollte das nicht vor der ihm bestimmten Zeit eintreten, was wohl möglich wäre, wenn ein mißgünstiges Auge den Text läse. Um das unmöglich zu machen, ersetzt er alle Vokalrunen der Inschrift durch runenähnliche Zeichen und codiert damit die magischen Verse. Weil es wohl irgendwann ein Problem gegeben hat, versuchte ein unkundiges Schnitzmesser das Wort für Unglück (aglac) zu verstümmeln, was sicher nicht im Sinne des Runenmeisters geschah.

Helden im Himmel
Mit den 4 Seiten ist das irdische Geschehen, Midgard, abgeschlossen. Recht sinnvoll bietet sich der Deckel für das an, was die Christen mit ‚Himmel’ meinen und bei den heidnischen Altvorderen Asgard hieß. Hier versammelt Woden die Erschlagenen in der Halle der Erwählten, Walhalla. Hier bereiten sich Götter und Menschen auf Ragnarök vor, auf den Angriff der Reifriesen, welche die Schöpfung vernichten wollen. 6

Der Runenmeister sucht nun nach einer Bildformel, die seinen Schützling als Verteidiger an die Seite der Götter rückt. Mit der Gestalt des berühmten Bogenschützen EGIL findet er die in jeder Hinsicht geeignete Person. Er läßt dessen Name mit ‚Æ’ anlauten und hängt ihm aus numerischen Gründen noch ein ‚I’ an. Sein Held heißt nun ÆGILI und liefert mit dem Æ [A-Rune] die passende Rune, die den Namen æsc , trägt, denn von der ‚Esche’ heißt es, daß sie „mit ihrem kräftigen Stamm zahlreichen Angreifern unerschütterlich Widerstand leistet“. Auch eignet sich ihr Holz bestens für Pfeil und Bogen, Egils Waffen. Aber auch Yggdrasil, der Weltenbaum, ist eine Esche7, und Asgard ist ein Teil von ihr. fylia09Ob dieser Egil im 7. Jahrhundert schon als Bruder Wielands begriffen wurde, den das Wielandlied der Edda (Vœlundarkviða ) als solchen nur kurz erwähnt, ist ungewiß. Wie Wieland, so ist auch jener Egil der Partner einer Schwanenjungfrau und dürfte somit selber zu den Wesen der „niederen Mythologie“ (Sphäre zwischen Göttern und Menschen) gehört haben.8 Und wie dem Schmied auf der Vorderseite so ist auch ihm eine solche Gefährtin zugesellt. Falls unter dem Bogen eine weibliche Gestalt abgebildet ist, würde man an sie denken müssen.
Vergleicht man aber diese Bogenstruktur mit dem Thron der Maria auf dem Magierbild (s.o.), dann wird es sich auch hier um einen Thron - in der damaligen Begrifflichkeit der Hochsitz in der Halle - handeln.

  So wie der Herr der Halle, König oder Than, von seinem Hochsitz die Halle überblickt und die Helden ebenso wie die Biermägde beobachtet, so ist es auch im Reich der Asen. Und da wir uns in Walhall befinden, ist es der “Hochsitz Wotan/Odins”, Hliðskjálf genannt9, von dem aus der Gott alle neun Welten überblickt. fylia03 fylia03 Dafür sprechen neben dem Wotansknoten (valknut) direkt neben dem Bogen auch die beiden doppelköpfigen Tierpaare, die man als Odins Raben, Hugin und Munin bzw. als die Wölfe Geri und Freki deuten kann. Es wäre also der Gott selbst, der in den Kampf eingreift.

Es war die Rolle der Fylgja, ihren Schützling durch das Leben zu geleiten, wobei sie gelegentlich Züge der Nornen annimmt. Als Walküre bringt sie ihm den Tod, um ihn dann als Wotan/Odins Helferin - sie selber eine niedere Gottheit - nach Walhall zu geleiten, wo er sich in die Riege der Einherjer einreiht. Mit ihnen kämpft er an der Seite der Götter und unterliegt nicht mehr dem Schicksal (wyrd), das die Nornen wirken. Genau genommen war sein Erdenleben nur die Vorbereitung, die ihn für das eigentliche Leben im Reiche Odins qualifizierte. Hier nun ist er auf einer Ebene mit seiner Schicksalsfrau.

Mit dieser Bildformel sucht unser Runenmeister seinem edlen Schützling und Auftraggeber nach einem heldenhaften Leben und Sterben, der Einzug nach Walhall zu sichern. Keine andere Seite des Schatzkästchens war für diesen "Himmel der Helden" besser geeignet als der Deckel, unter dem sich der Schatz für das eher weltliche Wohlergehen befindet.

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Bild: "Silberanhänger in Form einer Walküre", Köping Klinta, States Historiska Museum.

Anmerkungen:
1 Golther, Handbuch der germanischen Mythologie, S. 98ff
2 Dieses Wort, von dem sich a.n. œl , n.e. ale, Bier, herleitet; ist gleichsam zur runisch und numerisch wirksamen Formel erstarrt und findet sich so auch auf Urnen.Dazu mehr in: Eine Welt aus Abbildern, Runen, Zahlen und Werten).
Daneben existieren auch Anhänger, die eine weibliche Gestalt mit Trinkhorn zeigen, vermutlich die Walküre mit dem belebenden Trunk. Eindeutig ist ihre Darstellung auf gotländischen Bildsteinen, wo sie den Toten mit dem Trinkhorn empfängt.
3 Alfred Becker, Franks Casket; Zu den Bildern und Inschriften des Runenkästchens von Auzon (Regensburg, 1972) s. 125 – 134 „Zur Ikonographie der Magierbilder“.
4 Ebenso wie im Lateinischen, wo pecus (Vieh) Ausgangswort für pecunia (Geld) ist.
5 So auch Ardre VIII
6 Die Walküren, eine Gruppe jungfräulicher Kriegerinnen, wählten dem Odin die in der Schlacht gefallenen Krieger aus und brachten sie nach Walhalla. Tagsüber übten sich die Krieger im Kampf, abends versammelten sie sich zum gemeinsamen Mahl bis zum Ragnarök. An diesem Tag sollte es zur letzten Weltschlacht kommen, welche den Untergang der Götter und die Errichtung einer neuen Herrschaft des Friedens und der Liebe zur Folge haben würde. Gewöhnliche Sterbliche wurden nach ihrem Tod von der Göttin Hel in einer unterirdischen Welt aufgenommen, in der es keine Freude gab. (Encarta 2002)
Yggdrasil („Ross des Schrecklichen“ o. ä.; auch: Mímameiðr, Læraðr) ist in der germanischen Mythologie – aus den Berichten der Liederedda und der Prosa-Edda – die riesenhafte immergrüne Weltesche oder Weltenesche, unter deren Bild man sich das ganze Weltgebäude vorstellte. (Quelle: Wikipedia)
8 Dazu Zur Wielandsage mit einem PDF Anhang aus A. Becker, Franks Casket.
9 Hliđskialf (altnord. Hliðskjálf – „Schelf des Mitgefühls“), auch als Lidskialf oder Lidskjälf bezeichnet, ist in der nordischen Mythologie der Thron des Hauptgottes Odin bzw. der Ort, an dem sich dieser befindet. Er steht im Götterpalast Valaskjalf in Asgard, der in manchen Darstellungen Odins großem Saal Walhall gleichgesetzt wird.
Von seinem Thron aus konnte Odin alle neun Welten des germanischen Weltbildes überblicken, was als Fähigkeit, alles sehen und alles hören (erlauschen) zu können, gedeutet wird. Die Vorstellung eines Stuhls oder Throns für die oberste Gottheit ist in der Mythologie nicht unüblich. Bemerkenswert ist aber, dass diese göttliche Fähigkeit strikt ortsgebunden gedacht ist. Da Odin auch den Gott Loki von seinem Thron aus nicht sucht, aber doch entdeckt, erscheint diese Gabe zudem auch auf andere Gottheiten anwendbar. Selten, etwa in der Grimnismál, wird auch berichtet, dass die Göttin Frigg neben Odin säße (vgl. Grimm, Mythologie 1, 112ff.). Auch Freyr besteigt in der Skírnismál kurzfristig den Thron.

 

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