Home Deckel (Æ-Platte) - Die Plejaden, der Jahreszyklus und die Tierkreiszeichen

Die Monate im Lauf des Sonnenjahres

s-Rune Sigel semannum symble biþ on hihte,
ðonne hi hine feriaþ ofer fisces beþ,
oþ hi brimhengest bringeþ to lande.

s-Rune Sonne ist immer eine Freude der Seefahrer
wenn sie über das Bad der Fische reisen,
bis das Gefährt über die Tiefe sie an Land bringt.

Sterne über Yggdrasil

Nachdem wir nun über die 10 Sonnen- bzw. Mondjahre nebst Meton-Zyklus hinaus die vier Jahreszeiten sowie die Wochentage entdeckt haben, liegt es nahe, nach den 12 Monaten des Jahres zu suchen. Wie dargelegt, scheint die Rosette des Magierbildes mit ihren 13 Strahlen auf ein lunares Jahr hinzuweisen.1 Hier nun, auf dem Deckel, mag eine (goldene?) Scheibe mit 12 Strahlen als Abbild der Sonne verschraubt gewesen sein. Das allein wäre recht spekulativ. Da es hier aber 12 „Punktmarken“ gibt – 5 bei Ægil, 3 bzw. 2 mit den beiden nackten Gestalten und 2 weitere zwischen den Füßen des Riesen mit Helm und Speer – wird diese Annahme wahrscheinlicher. Wenn wir nun die Punktmarken als Stellvertreter für Runen ansehen, erreichen wir die 12te Rune des fuþark/fuþorc, j-Rune Y (ger, Jahr), was genau in diesen Kontext passt. Für das Mondjahr wäre es die 13te Rune, wenn man das fuþark von hinten nach vorne liest.

Wir setzen nun diese 12 Punktmarken mit den 12 Monaten des Jahres gleich und beginnen mit den zwei Punkten zwischen den Füßen des Riesen mit Schild und Helm. Das runenähnliche Symbol I-Rune, die Eibenrune, steht für den Kreislauf von Leben, Tod und Wiedergeburt.2 So gesehen kennzeichnen die beiden Punktmarken den letzten Monat des alten bzw. den ersten Monat des neuen Jahres, (also Wintersonnenwende) als Tod und Auferstehung des Lichts (Jul). Es sind die Monate Ærra Geola (Vor-Jul) und Æfterra Geola (Nach-Jul). Da die Jahreswende sich an dem Tiefststand der Sonne orientiert, sind die letzten Dezembertage dem Neuen Jahr zuzurechnen. Dementsprechend verschieben sich alle Folgemonate. Der Stand der Sonne am Jahresende liefert somit den Stoff für das Sterben und Auferstehen der Gottheit des Lichts, hier wohl die Sonne selbst.3.
Den vier Protagonisten (Markzeichen des Sonnenlaufs) folgend, setzt sich die Handlung rechtsläufig mit dem unbekleideten Schildträger oberhalb der Scheibe fort. Die drei ihm zugeordneten Punktmarken stehen dann für Solmonað, Hreþmonað und , zwei Monate Eostremonað (Februar, März und April), die über das Äquinoktium (Tag-und-Nachtgleiche) zum Frühling führen. Von praktischem, d.h. landwirtschaftlichem Interesse ist der Umstand, dass hier die Zeit der harten Fröste endet.

Der nächste Monat, Ðrimilcemonað (April/Mai), ist Ægil zugeordnet und führt zur Sommersonnenwende, Liþa. Wie bei Geol, so unterscheiden wir auch hier den Monat davor und den danach als Ærre and Æfterra Liþa (6ter und 7ter Monat). Wie bei seinem Gegenüber, dem Riesen, so könnte die Punktmarke zwischen seinen Füßen für die Sonnenwende stehen. Nach dem 8ten Monat, Weodmonað (August) folgt der letzte an Egil gebundene Monat, Haligmonað. Entsprechend dem Monatswechsel um den 20sten, endet auch dieser Monat vor der Herbst-Tag-und-Nachtgleiche, die dann dem Schildträger zuzuordnen ist.
Mit dem letzten der fünf an Ægil gebundenen Monate endet der Sommer (April/Mai bis August/September), die Zeit zwischen den Sonnenwenden. Wenn der Bogenschütze sich so als Verteidiger der Sonne erweist, dann bekommen die Elemente der Festungsanlage, verstanden als ineinander gefügte S-Runen s-Runes-Runes-Runes-Rune (gleich Sonne, Licht, Leben) einen tieferen Sinn. Es wäre das Reich der Sonne, des Lebens und der Wiedergeburt. Damit bewegt sich diese Deutung auf der Ebene von Odin als Sonnengott und Walhall als Ort der Auferstehung.

Die Herbst-Tag-und-Nachtgleiche kommt um den 21. des 9ten Monats, der in Winterfylleð übergeht, welcher dem unbekleideten Krieger unterhalb der Scheibe zugeordnet ist. Dieser Monat stellt nach Beda den Anfang des Winterhalbjahrs dar4 Dem folgt als 11ter und letzter Monat vor Geol der Blotmonað, so genannt nach der großen Winterschlachtung.


Abb. 2: Der Jahreszyklus nach dem Deckelbild

Der Zyklus endet mit dem 12ten Monat (Ærra Geola), der Geol (Jul) einleitet und somit zum Reich der beiden Riesen gehört. Zusammen mit dem ersten Monat (Æfterra Geola) des neuen Jahres, das mit Mōdraniht (Mütternacht) beginnt, symbolisiert dieses Duo Tod und Wiedergeburt der Sonne, ähnlich der Vorstellung vom “ Dies Natalis Solis Invicti ”, dem Geburtstag der ‚Unbesiegten Sonne’. Folgerichtig heißt der Februar als erster Monat nach Geol „Solmonað“ (Sonnenmonat). Sollte das germanische Jahr, wie Tacitus (Germania, 26) berichtet, tatsächlich nur 3 Jahreszeiten kennen, dann würde das Neue Jahr (Frühling) mit eben diesem Monat beginnen. Der Sommer setzt in dieser Ordnung mit dem Ðrimilcemonað, während der Winter als dritte Saison mit Winterfylleð, dem ersten Wintermonat einsetzt und mit dem Blotmonað endet, dessen Name – obwohl vermutlich von der Herbstschlachtung her kommend – in die Richtung Tod bzw. sterbende Sonne deutet.
Wenn die beiden Geol-Monate keine vierte Jahreszeit darstellen, müssten sie zum Teil Frühjahr und Winter zugerechnet werden.
Mit der Wiedergeburt der Sonne führt sie ihr Kreislauf von Geol über die Frühjahrs-Tagundnachtgleiche zu Liþa, der Sommersonnenwende, und von da über die Tagundnachtgleiche des Herbstes wieder ihrem scheinbaren Tod, an Geol entgegen. Dieser Zyklus wird durch gegensätzliche Kräfte in Balance gehalten. Wenn die Verteidigung versagt und die Sonne erlischt, dann bricht das Chaos an. Ragnarök!


Abb. 3: Franks Casket: Deckelbild
Mit Blick auf das Deckelbild erkennen wir nun in den Protagonisten jene Riesen und Götter, die um die Sonne streiten, die einst hier als (goldene?) Scheibe im Zentrum des Geschehens stand. Da die beiden Geol-Monate die Wintersonnenwende rahmen, stehen sie symbolisch für Tod und Wiedergeburt. Hier nun versinnbildlicht der Riese mit den zwei Punktmarken und dem Eibensymbol I-Rune zwischen Füßen den Vor-Jul (Ærre Geola) als letzten Monat des sterbenden Jahres, da er hinterrücks von dem Schwert des gebückt Davonlaufenden getroffen wird. Demnach wird der zweite Riese für Nach-Jul (Æfterra Geola) stehen, für den ersten Monat des Neuen Jahrs. Ihr Gegenspieler ist der Bogenschütze Ægil, der über fünf Sommermonate wacht, darunter auch die beiden Liþa-Monate, die die Sommersonnenwende rahmen. Unter dem Bogen hinter ihm können wir eine Gottheit (Woden/Odin?) vermuten, die ihm beisteht. Welche Bedeutung die sieben Pfeile haben, muß an dieser Stelle offen bleiben.
Die beiden unbekleideten Schildträger, die fünf Monate dominieren, vertreten hier für die Tag-und-Nachtgleichen (oben März, unten September). Vermutlich sind sie unbewaffnet, da sie zwischen den Fronten stehen. Aber schon diese Vermutung ist spekulativ.

Man ist versucht in diesem Zusammenhang nach Baldr Ausschau zu halten, obwohl er in der angelsächsischen Tradition – falls er je in ihr gelebt haben sollte – keine Spuren hinterlassen hat. Einer der Angreifer ist von einem Pfeil in die Brust getroffen; aber was sucht Baldur unter den Widersachern Ægils? Eine solche Deutung geht davon aus, dass wir es mit einer mythologischen Szene zu tun hätten. Wenn das Bild aber keine Szene, sondern Emblem ist, dann steht dies für den Kreislauf von Geburt, Tod und Wiedergeburt, vom Auf- und Niedergang der Sonne, ein Zyklus, für dessen Stabilität die Asen eintreten. Die beiden Riesen verkörpern das Chaos, das die kosmische Ordnung bedroht. Ihnen tritt der Bogenschütze aus den Reihen der Asen entgegen. Als Emblem könnte er auch für das Sternbild stehen, welches sich in der griechischen Mythologie als Zentaur an Achill (namensähnlich dem Ægil hier) heftet.
Diesen Antagonisten an den Wendepunkten der Sonne entsprechen die Verkörperungen der Tag-und-Nachtgleichen durch die unbekleideten Krieger. Sie unterscheiden sich kaum voneinander, da sie ja in ihrer kosmischen Erscheinung, und folglich als Emblem, einander gleichen.

Asgard: Der Himmel als Schicksalslenker

Wenn nun die Runeninschriften auf den Seitenplatten nach ihrer Runenanzahl für 10 solare Jahre stehen und nach ihrem Runenwert für 10 lunare Jahre, synchronisiert und „geschaltet“ durch einen „methonischen Zyklus“, wenn die Bilder die Jahreszeiten, Monate und Wochentage widerspiegeln und das ganze Gefüge den erwünschten Lebenslauf seines königlichen Besitzers lenken soll, dann ist es nur folgerichtig, wenn über diesen irdischen Szenen – auf dem Deckel also – die kosmische Ordnung verteidigt wird, die das Schicksal (wyrd) unseres Helden lenkt. Den Inhalt der Fügung zu deuten, wäre Astrologie, wohl aber sollte sich ein Bezug der Bildelemente herstellen lassen. Da die Bilderfolge der Kästchenseiten und des Deckels, dem Lauf der Sonne entsprechend, rechtsläufig gehalten ist, sollten beide Folgen im gleichen Ablauf zu lesen sein. Dabei gehen wir von der jahreszeitlichen Bedeutung der vier Platten aus. (Siehe oben, in Vorbereitung)
Die Vorderseite mit dem Magierbild steht – wenn nicht für den Winter – für Geol und Modranect. Der Bezug ergibt sich über das Bild von Mutter und Kind. Während Christus mit Sol, der unbesiegten Sonne gleichzusetzen ist, nimmt Maria als Luna den Part der Muttergottheit (Große Mutter Erde) ein.
Die Bildelemente spiegeln Geburt (im Beisein der Fylgja) und Tod (dritter Magier, Myrrhe und Valknut) wider. Die sechs scheinbar dekorativ eingefügten Symbole in Form der Eibenrune I-Rune wandeln den Tod in Wiedergeburt. Ähnlich ist auch das Wielandbild verstehen, wobei es hier nicht um nicht um das Leid der Königskinder, sondern um die „Wiederauferstehung“ (Rückkehr zu seiner albischen Natur) des halbgöttlichen Gefangenen geht. Damit entsprechen die beiden Bilder der Vorderseite den zwei Geol-Monaten, für die sie stehen.
Diese Aussagen korrespondieren mit der Darstellung der Frostriesen, die Geol, die Zeit von Tod und Wiedergeburt bestimmen.
Anmerkung: Wieland, Christus und Maria, als die von Cäsar behauptete Trinität Vulcanus (Saturn), Sol (Sonne) und Luna (Mond), sind Namenspatrone für Saturday, Sunday/Sonntag und Monday/Montag.

Zur linken Platte gelangen wir dem Lauf der Sonne folgend. Die Darstellung von Romulus und Remus als Säuglinge bei der Wölfin (Lupa) steht für das Frühjahr. Der Gott hinter dieser Szene ist Thor, dem die Rune r-Rune für rad (Þunorrād, die Ausfahrt mit dem Donnerwagen) zuzuordnen ist. Innerhalb der bäuerlichen germanischen Gesellschaft wurde er als Vegetationsgottheit verehrt. Nach unserer Deutung beschreibt diese Seite die Vorbereitung für die Ausfahrt des jungen Kriegers, eine Entwicklung, die dem Frühjahr entspricht.
Damit ergibt sich der Bezugspunkt zum kosmischen Geschehen (Deckel), wo der sonst waffenlose Schildträger das Frühjahrs-Äquinoktium repräsentiert. Dieses junge Stadium mag seine ungeschützte Natur erklären.
Anmerkung: Thor/Donar, der Gott hinter dieser Seite, ist der Namenspatron von Thursday/ Donnerstag.

Die Rückseite schildert den Sieg des Titus, des späteren römischen Kaisers, über die Juden. Dies ist der Höhepunkt im Kriegerleben, bewaffnet im Kampf, siegreich und gerecht. Über die Rune t-Runedie Sieg und Gerechtigkeit verheißt, gelangen wir zum alten Kriegsgott Tyr, der Patron dieser Epoche ist.
Folgerichtig entspricht diesem irdischen Geschehen auf himmlischer Ebene der Schütze Ægil, der im Kreislauf des Jahres siegreich die Sonne verteidigt.
Anmerkung: Tyr/Tiw, der Gott hinter dieser Seite, ist der Namenspatron von Tuesday/Dienstag.

Die rechte Platte schließlich schildert den Tod auf dem Schlachtfeld und die durch Woden/Odin bewirkte Auferstehung nach Walhall. Die Rune h-Rune (Hagel, Verderben) führt diesen von der Walküre bereiteten Tod herbei, die Rune s-Rune wendet ihn zur Auferstehung nach Walhall. Wenn die Vorderseite an diese Thematik anknüpft, so setzt sie damit den ewigen Kreislauf fort, den die kosmische Ebene beschreibt. Woden, der Gott hinter dieser Seite, ist der Namenspatron von Wednesday.
Freyja oder Frigg, Namenspatronin für Friday/Freitag müßte auf dem Deckel zu lokalisieren sein.

So betrachtet haben die irdischen Ereignisse ihre Entsprechung in den Sternen. Da aber – neben Sonne und Mond – die Sterne den Göttern entsprechen, beugt man sich deren Willen. So heißt es zur Rune t-Rune „Tiw ist ein Leitstern, gut hält er seine Treue den Fürsten; er ist immer auf seiner Bahn über den Nebeln der Nacht, und versagt niemals.“

Der Gürtel des Orion und die Plejaden am Sternenhimmel

Entfernen wir nun alles Szenische oder Emblematische des Deckelbildes, dann bleibt eine Konstellation von Punkten rund um die Scheibe im Zentrum, die an einen Sternenhimmel – ähnlich dem auf der 2000 Jahre älteren Himmelsscheibe von Nebra – denken lässt. Es dürften jene Gestirne sein, an denen sich einfachere kalendarische Beobachtungen der Landwirtschaft und der Schifffahrt orientierten, und das sind Sternbilder, die den Beginn oder das Ende einer Jahreszeit anzeigen.


Abb. 4 (links): Deckelbild, Sternkarte
Abb. 5 (rechts): Deckelbild, Sternkarte mit Pfeilen

Um im Jahreszyklus zu bleiben, beginnen wir mit dem Segment [oben links], das auf Æfterra Geola folgt und für Solmonað (Februar) und Hreþmonað (März) steht. Hier stehen drei Sterne in einer Reihe und entsprechen damit dem Gürtel des Orion, bestehend aus den drei Sternen Mintaka, Alnilam und Alnitak in jeweils genau 10 Abstand voneinander. Der Orion gehört zu den Sternbildern des Winterhimmels und wird im Februar am Abendhimmel sichtbar um sich von dort Mitte April zu verabschieden. Und genau diese drei Monate in unserer Grafik [Abb. 2] korrespondieren mit den drei Sternen, die hier waagerecht, also so wie bei ihrem scheinbaren Untergang (das Verschwinden des Gestirns unter dem örtlichen Horizont) dargestellt sind.5 Zu dieser Deutung für den germanischen Raum um 650 AD passt zudem, dass man in den drei Sternen einen Pflugstock sah, was auf Frühjahr und Landwirtschaft hinweist. Bei den Wikingern fand sich zudem oft die Interpretation, wonach im Orion der Gott Thor zu sehen ist, der durch einen Fluss watet und den Gott Loki mittels seines Gürtels hinüber zieht. Nach dieser Deutung wäre Thor als Vegetationsgott des beginnenden Jahres zu sehen, was unserer Zuordnung des Gottes zur linken Kästchenseite als Sinnbild des Frühjahrs entspricht. In der skandinavischen Tradition war "Orions Gürtel" auch als Friggs oder auch als Freyjas Spinnrocken (friggerock) bekannt.6 Über Baldrs Mutter, Frigg, ergibt sich ein weiterer Bezug zur Sonne, die diekt neben diesem Sternbild im Zentrum des Bildes steht.

Die Häufung der Sterne dort, wo der Bogenschütze den Sommer sichert, erinnert an die Scheibe von Nebra. Dass es sich bei dem "Sternenhaufen" auf jener Himmelscheibe um die Plejaden handelt, kann man dort aus der Siebenzahl (Die 7 Schwestern) erschließen, wobei auch die Kontur von Celaeno, Electra und Merope dem Sternbild (Foto) entsprechen.
Dieser Umriss findet sich auch bei Ægils 5 Sternen, wobei wohl auch eine Schematisierung zur vereinfachten Form geführt hat. Die 2 übrigen sind im weiteren Umfeld zu suchen, da sie hier nicht zum Sommer gehören. [Der Vollständigkeit halber tragen wir noch die Pfeile nach, da sich aus ihnen - falls sich ein Archäo-Astronom der Sache annimmt - vielleicht bestimmte stellare Bewegungsabläufe rekonstruieren lassen.]

Die Annahme, es könne sich um die Plejaden handeln, wird von der Zuordnung der Monate zu den Sternen (Abb.2; Jahreszyklus) bestätigt. Der Frühaufgang der Plejaden (ein Datum, das sich verschiebt und heute im Juli liegt) fiel damals auf Ende Mai7, und mit eben diesem Monat, Ðrimilcemonað (Mai), beginnt die Sternengruppe um Ægil, während der Frühuntergang im November hier auf den Blotmonað fällt.
Mit diesem Frühaufgang fällt zeitlich die Frostperiode (die „Eisheiligen“) zusammen, was für die Landwirtschaft (Aussaat von Bohnen, Linsen etc.) von Bedeutung war. Mit den 5 Monaten, die unter dem Schirm des Bogenschützen stehen, ist die für den Ackerbau günstige Zeit umrissen. Mit Haligmonað (September) wird Erntedank verbunden gewesen sein. Die übrigen zwei „Schwestern“ sind dem nackten Krieger mit Schild zugesellt, dessen Zeit mit dem Herbst-Equinox beginnt. Ab Winterfylleð (Oktober) ist mit Nachtfrösten zurechnen, und so sind dieser und der Folgemonat Blotmonað (November) Vorboten der Frostriesen.

Für den Winterpunkt nehmen wir als Hypothese vorerst den Wendekreis des Stiers an, verzichten aber an dieser Stelle auf jegliche Festlegung. Geol, das Julfest, steht im Zentrum beider Monate, die wir als Winter bezeichnen. Unklar bleibt dennoch, ob diese Zeit nicht aus dem Jahreskreislauf heraus fällt, der nur drei Jahreszeiten kennt, so wie wir der Aufbau der Kästchenseiten nahe legt.


Abb. 6: Die 7 Plejaden auf Deckelbild und Nebra, Foto

Bei dem Versuch, die astronomische Himmelskarte mit unserer Rekonstruktion zur Deckung zu bringen, muss man zum einen den zeitlichen Abstand (Nebra vor ca. 3600 Jahren, Franks Casket vor 1400 Jahren, Karte [Foto-Negativ] heute) beachten, zum anderen die unterschiedlichen Orte der Beobachtung. Zudem versucht die Darstellung, Monate und Jahreszeiten mit den Sternen zur Deckung zu bringen, was die leicht verschobene Position von Pleione und Atlas erklären mag.

Dass die Plejaden hier im Kreislauf der Jahreszeiten auftauchen, ist nicht überraschend, denn das Siebengestirn diente in den alten Kulturen als Fixpunkt in diesem Zyklus: Ihr Frühaufgang im Mai und der Frühuntergang im November waren Signale für Feldbestellung und Schifffahrt.8

Mit Blick auf unser Bild stellen wir fest, dass der Bogenschütze fünf der sieben "Schwestern" um sich sammelt, die übrigen zwei tauchen beim Schildträger der Herbst-Tag-und-Nachtgleiche auf (unten im Bild) auf, wo sie für Winterfylleð und Blotmonað stehen. Diese Position ist mit Bedacht gewählt, da der Frühuntergang der Plejaden im November (Blotmonað) das Ende des Sommerhalbjahres anzeigt.
Die beiden (noch unbekannten) Sterne bei den beiden Riesen zeigen die beiden Geol-Monate an. Bemerkenswert dabei ist, daß so die beiden Wendemarken der Sonne zwischen die Füße der Antagonisten (Riese bzw. Ægil) gesetzt worden sind. Es scheint also, als werde hier kein Sternenhimmel zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort wiedergegeben, sondern Sternbilder, die den verschiedenen Jahreszeiten zuzuordnen sind.

Es bleibt die Frage, ob im Zentrum, passend zum Sternenhimmel, der Mond dargestellt ist, der ja tatsächlich die Plejaden quert. Da es aber hier um den Jahreskreislauf der Sonne, um ihren Tod und die Wiedergeburt geht, wird sie dargestellt sein. Wäre es so, dann könnte die aus S-Runen gestaltete Befestigung den Palast der Sonne darstellen, und die Figur unter dem quasi sakralen Bogen wäre die Sonnengottheit. Eine Antwort könnten astronomische Betrachtungen liefern.

Mit dem Deckel wölbt sich der Sternenhimmel der Asen über den Seiten des Runenkästchens, die das Schicksal des königlichen (?) Kriegers lenken sollen, die zugleich Jahre und Jahreszeiten, Monate, Wochen und Tage in diesen Zauber auf dem Weg nach Walhall einbinden.


Die Ekliptik und der Tierkreis (Zodiak)

Entfernen wir nun alles Szenische oder Emblematische des Deckelbildes, dann bleibt eine Konstellation von Punkten rund um die Scheibe im Zentrum, die an einen Sternenhimmel – ähnlich dem auf der 2000 Jahre älteren Himmelsscheibe von Nebra – denken lässt. Es dürften jene Gestirne sein, an denen sich einfachere kalendarische Beobachtungen der Landwirtschaft und der Schifffahrt orientierten, und das sind Sternbilder, die den Beginn oder das Ende einer Jahreszeit anzeigen. Diese 12 eingefügten Punktmarken oder Gestirne lassen sich den Monaten des Jahres gleichsetzen, wobei sie einzelne Sternbilder widerspiegeln und jede Punktmarke einen Monat im Jahreskreislauf vertritt. So wie wir schon zuvor (Inschriften: Vorderseite und linke Seite) solchen Zeichen Runenqualität, d.h. Begriff und Zahl und Wert, zugemessen haben [* = 1 = f (feoh, Vieh); ** = 2 = u (ur, Auerochse); *** = 3 = T(thorn, Dorn) usf.], so stehen diese 12 Zeichen recht sinnvoll für die J-Rune j (ger, Jahr). Diese Punktmarken nun sind zu Sternbildern angeordnet, die – soweit wir sehen – sinnvoll der jeweiligen Jahreszeit entsprechen. (Abb.6 Sternbilder und Sonnenstände)

Um dem Jahreszyklus zu folgen, beginnen wir mit dem Segment [oben links], das auf Æfterra Geola folgt und Solmonað (Februar) und Hreþmonað (März) verbildlicht. Hier stehen drei Sterne in einer Reihe und entsprechen damit dem Gürtel des Orion, bestehend (mit jeweils 10 Abstand voneinander) aus den drei Sternen Mintaka, Alnilam und Alnitak. Der Orion gehört zu den Sternbildern des Winterhimmels und wird im Februar am Abendhimmel sichtbar, um sich von dort Mitte April zu verabschieden. Und genau diese drei Monate in unserer Grafik [Jahreszyklus] korrespondieren mit den drei Sternen des Gürtels, die hier waagerecht, also so wie bei ihrem scheinbaren Untergang (das Verschwinden des Bildes unter dem örtlichen Horizont) dargestellt sind. Zu dieser Deutung (um 650 AD) passt für unsere Breiten zudem, dass man hier in den drei Sternen einen Pflugstock sah, was auf Frühjahr und Landwirtschaft hinweist. Bei den Wikingern fand sich zudem oft die Interpretation, wonach im Orion der Gott Thor zu sehen ist, der durch einen Fluss watet und den Gott Loki mittels seines Gürtels hinüber zieht. Demnach wäre Thor als Vegetationsgott des beginnenden Jahres zu sehen, was unserer Zuordnung des Gottes zur linken Kästchenseite, Sinnbild des Frühjahrs, entspricht. In der skandinavischen Tradition war "Orions Gürtel" auch als Friggs oder auch als Freyjas Spinnrocken (friggerock) bekannt. Über Frigg, Odins Gemahlin und Baldurs Mutter, ergibt sich ein weiterer Bezug zur Sonne, die vom Zentrum her das Bild beherrscht. Da Mintaka, der dritte Gürtelstern, für den März steht, ist der Schildträger, der das Sternbild Schild (Scutum) verkörpert, hinreichend gekennzeichnet.

Der Aufbau des Deckelbildes entspricht der Abfolge der Jahreszeiten, so wie ihn der (scheinbare) Lauf der Sonne (Ekliptik) bestimmt. Die Frostriesen (isländisch: Hrímþursar), Erzfeinde der Asen, versinnbildlichen den Winter (Norden), während der Bogenschütze den Sommer (Süden) verteidigt. Wenn also Norden und Süden und damit die Sonnenwenden dokumentiert sind, dann vertreten die beiden unbekleideten Schildträger Osten (oben) und Westen (unten). Mit den vier Himmelsrichtungen verbildlichen sie zugleich die Sonnenwenden bzw. die Äquinoktien (Tagundnachtgleichen).
So endet und beginnt das Jahr bei den beiden Sternen, die den hünenhaften Angreifern (links) zugeordnet sind, und setzt sich (rechtsläufig) über der Sonnenscheibe mit den drei Punktmarken fort, die den Sternen des Oriongürtels entsprechen. Es ist ein Wintersternbild, das bis in den April am Abendhimmel zu sehen ist. Hier steht es für die Monate Februar (Solmonað), März (Hreðmonað) und April (Eostremonað), wonach es nicht mehr zu sehen ist. Wenn nun mit dem Julfest Tod (Ærre Geola [Dezember]) und Auferstehung (Æfterra Geola [Januar]) der Sonne begangen wird, dann fügen sich die Gürtelsterne logisch in das Konzept:

Solmonað, der Februar feiert die wiedergeborene Sonne (Sol), die den Jahreszyklus einleitet.
Hreðmonað, der März, huldigt einer Gottheit Hreðe (die Ruhmreiche?), um sich damit ihren Segen für die Aussaat zu sichern. Es ist auch die Zeit der Tagundnachtgleiche, mit der die Winterzeit zu Ende geht.
Eostremonað, der dritte Gürtelstern des Orion, steht für den April und ehrt damit die Göttin Eostre, die Beda nennt. Das Wort wird von der griechischen Gottheit Eōs (altgriechisch Ἠώς) die „Göttin der Morgenröte“ abgeleitet sein, so wie auch ae. und ne. east (d. Osten), also die Himmelsrichtung, wo die Sonne aufgeht.

Damit ist nun wieder der Bezug zu Orion gegeben: [Orion], Sohn des Meeresgottes Poseidon, soll die Insel Chios von wilden Tieren befreit haben. Als er jedoch Merope, die Tochter des Königs Oenopion vergewaltigte, wurde er zur Strafe von ihrem Vater geblendet. Orion wanderte blind nach Osten, um von den Strahlen der Morgensonne geheilt zu werden. Eos, die Göttin der Morgenröte, verliebte sich augenblicklich in ihn. Die keusche Jagdgöttin Artemis missgönnte ihr den jungen Mann und erschoss ihn mit einem Pfeil. Orion und die Plejaden wurden am Himmel verewigt, letztere als „Siebengestirn“. Somit lässt sich zum einen der Bezug zum Monatsnamen erklären, zum anderen aber auch der Zusammenhang mit dem folgenden Sternbild, dem der Plejaden (gr. Πελειάδες, Tauben) begründen. Sie wurden als die jungfräulichen Begleiterinnen der Artemis bezeichnet, die Orion über die Wiesen Böotiens verfolgte, bis sie in Tauben verwandelt und als Sternbild in den Himmel versetzt wurden. Das Sternbild, markiert mit seinem Frühaufgang im Mai den Sommeranfang. Von den „Sieben Schwestern“ sind nur 5 gut am Nachthimmel erkennbar, und so kennzeichnet die Gruppierung um den Schützen die 5 Monate zwischen den beiden Äquinoktien.

Deren Namen werden der Jahreszeit gerecht:
Thrimilce steht für den Mai, den Monat, in dem die Kühe des üppigen Nahrungsangebotes wegen täglich dreimal gemolken werden konnten. In diesem Monat enden mögliche Nachtfröste.
Ærre Liða und Æfterra Liða, also Juni und Juli, waren die beiden Monate vor und nach Liða, womit auf die ruhige, mitsommerliche Wetterlage und die sichere Seefahrt angespielt wurde. Es ist die Zeit des Wachsens und Reifens. Gelegentlich wurde ein dritter Liða-Monat als Schaltmonat eingefügt.
Weodmonaþ (weod, ne. herb, weed, Pflanzen, Kraut) für August bezieht sich auf das Wachsen und Reifen der Pflanzen zu dieser Zeit. Somit werden die beiden Liða-Monate von zwei Monaten gerahmt, die der Viehzucht und dem Ackerbau gewidmet sind. Hāligmonaþ, heiliger Monat für September, erinnert an die Erntefeste und wohl auch an das Herbstäquinoktium zu dieser Zeit. Dies ist der letzte Monat, der hier als Sommermonat dem Schützen zugerechnet wird.
Winterfylleþ (Winter-Vollmond), Oktober, ist der Monat, mit dem – wie Beda ausführt – der Winter beginnt.
Blōtmonað, als elfter Monat, steht für den November. Dies war der Monat, in dem man – weil das Winterfutter begrenzt war – entbehrliches Vieh schlachtete, was man als Blutopfer (blotan = to kill for sacrifice) ansah: Das Blut den Göttern, das Fleisch bleibt im Rauchfang!
Diese beiden Monate, Oktober und November, werden durch die zwei Punktmarken bei dem unteren Schildträger (Westen) gekennzeichnet. Sie gehören (wenn nicht zu den Plejaden) zum Herbst-Sternbild Widder, dessen zwei hellsten Sterne hier vermutlich abgebildet sind.
Ærre Geola (Dezember) und Æfterra Geola (Januar) sind den beiden Hünen zuzuordnen. Sie verkörpern die Julzeit, die Zeit um die Wintersonnenwende. Das Sternbild hierfür befindet sich zwischen den Füßen des vorderen Giganten, zusammen mit einem stilisierten Runensymbol (eoh, Eibe), das sich so immer wieder im Zusammenhang mit Tod und Wiedergeburt (Magier, Wieland, Herh-Os) findet und auch hier zum Thema „Tod und Auferstehung der Sonne“ passt. Der Hüne mit dem Helm wird für den Dezember stehen, der von der kleinen gebückten Figur (Personifikation von Geol?) den Todesstoß erhält.

Wenn nun hinter unserem Bild eine astronomische Begrifflichkeit steht, dann sollte sich die Bildkompo¬sition von daher deuten lassen. Einen ersten Anhalt bietet der Schütze (lat. Sagittarius), der als Sommer-Sternbild in Opposition zu den beiden Riesen steht. Wenn mit ihm das Zeichen des Tierkreises (Zodiak) verbildlicht ist, dann müsste ihm das Winter-Sternbild Zwillinge (Gemini) gegenüberstehen. So gesehen wird es sich bei den Hünen um eben dieses Brüderpaar handeln. Der Mythologie nach sind es Kastor und Pollux, die Zeus als Sterne an den Himmel gesetzt hat und die hier sowohl als riesenhafte Menschen wie auch als Sternenduo eingefügt sind. Da sie der Sage nach zwischen dem Totenreich und dem Götterhimmel hin und her wechseln, stehen gerade sie für Tod und Wiedergeburt, ausgedrückt durch das Zeichen O-Rune.

Wenden wir uns noch einmal dem Schützen zu, der hier Ægil (Agil) heißt. An seiner Stelle stand traditionell der Zentaur Chiron , der dem jungen Achilles unter anderem das Bogenschießen beigebracht hat. So mag es sein, dass hier der griechische Heros anstelle Chirons den Schützen versinnbildlicht und seinerseits von Ægil ersetzt wird. Vergleichen wir nun die Schreibungen A-Runeg-Runei-RuneA-Runel-Rune und Ἀχιλ, die griechische Schreibung, miteinander, so wird eine solche Übernahme noch wahrscheinlicher. Letztlich hat auch das eigentliche Symbol der Sommersonnenwende, Chiron, etwas mit dem Thema Tod und Auferstehung gemeinsam, denn Zeus erlöste den Unsterblichen von seinen Qualen (Tod), indem er ihn an den Sternenhimmel versetzte (Auferstehung).


Abb.7 Tierkreiszeichen

Bleiben noch die Äquinoktien. So wie man am Nachthimmel die Sternbilder sieht, die jenen gegenüber liegen, in denen die Sonne steht (leuchtet sie im Schützen, erblickt man, um 180  entgegengesetzt, die Zwillinge, und umgekehrt). So sieht man zum Frühjahrsäquinoktium, wenn die Sonne im Widder steht, das Sternbild Jungfrau, während zum Herbstäquinoktium der Widder am Himmel erscheint und die Sonne in der Jungfrau steht. Aber diese Sternbilder taugen nicht zur Identifikation der Tagundnachtgleiche, also des Zeitpunktes, an dem die Sonne den Himmelsäquator im Frühlings- beziehungsweise im Herbstpunkt passiert. Und hier kommen unsere Schildträger zum Zuge. So bietet sich das Sternbild „Schild“ (lat. Scutum) an, eine Konstellation in der Nähe des Himmelsäquators. Rechnet man ca. 1400 Jahre zurück (Datierung des Kästchens), dann dürfte das Sternbild am Schnittpunkt von Ekliptik und Himmelsäquator gestanden und damit den Frühlingszeitpunkt markiert haben . Hatte man den einen Zeitpunkt optisch ermittelt, konnte man den anderen (sechs Monate später) errechnen, ein Zeitpunkt, zu dem das Sternbild in der Sonne stand.

Das Deckelbild scheint demnach das Jahr in zwei Hälften zu unterteilen: Sommer (Plejaden 5) und Winter (Kastor und Pollux [2] sowie Orion [3]), getrennt durch die Äquinoktien (2). Dabei verbildlichen Kastor und Pollux zusammen mit dem Oriongürtel den Winter (5), während die Plejaden (5) für den Sommer stehen. Die letzten 2 Sterne dürften zum Herbststernbild Widder gehören, durch das die Sonne vom 18. April bis zum 13. Mai wandert [Wegen der Präzession der Erdachse um ca. 20  damals März/April]. Die beste Beobachtungszeit für dieses Sternbild bieten folglich die Monate von Oktober bis Januar [damals September bis Dezember]. Da aber Dezember und Januar hier dem Duo Kastor und Pollux zugeordnet sind, stehen die beiden hellsten Widdersterne, Hamal und Sheratan, für Oktober (Winterfylleð) und November (Blotmonaþ).

Damit kennzeichnen vier Sternbilder der Ekliptik den Jahreskreis: Kastor und Pollux (2) als Wintersternbild, die Gürtelsterne des Orion (3) als Frühjahrskonstellation, die Plejaden (5) als Sommersternbild, und für den Herbsthimmel steht der Widder (2). Dabei ist – wie dargelegt - jedem Stern ist ein Monat zugeordnet.


Abb. 8 Wendemarken September bis März

Der Mann mit dem Schild (scutum) [unten] verkörpert den September (Haligmonaþ) und damit die Herbst-Tagundnachtgleiche, wofür der Schild (Scutum als Sternbild) steht.
Der Oktober (Blotmonaþ; Blut- oder Opfermonat) wird mit der gebückten, unbewaffneten Gestalt dargestellt, die offensichtlich vor einer Gefahr, vielleicht den ersten Nachtfrösten, fliehen will.
Schlimmer ergeht es dem Krieger, der den November verbildlicht. Er ist von einem Pfeil getroffen, was sich gut zu dem Opfermonat (blotan, bluten, opfern) fügt. Es liegt nahe, dabei an den von Lokis Misterlzweig tödlich getroffenen Sonnengott Baldur zu denken.
Den Dezember (Ærre Geola, Vor-Jul) stellt der Hüne mit Helm und Speer dar, zwischen dessen Füßen wir das Symbol für Tod und Auferstehung O-Rune erkennen. Er wird von hinten angegriffen von einer Gestalt, die wir mit Wintersonnenwende und Geola (Jul) identifizieren. Jener Angreifer steht somit für diesen bestimmten Zeitpunkt, an dem das alte Jahr stirbt und das neue heraufzieht. Dem Mythos nach könnte es Idas, sein Cousin, sein.
Den Januar (Æfterra Geola, Nach-Jul) verbildlicht sein schwertbewaffneter Zwillingsbruder. Er trägt keinen Helm, denn ihm droht (noch) keine Gefahr.
Der Februar (Solmonað, Sonnenmonat), auch er schwertbewaffnet, schützt sich mit seinem Schild vor den Pfeilen, aber die aufsteigende Sonne bricht die Macht des Winters.
Im März (Hreðmonaþ, Monat der Hreða) steigt die Sonne über den Frühlingspunkt empor, was wiederum der Schild (Scutum) des Mannes oberhalb der Sonnenscheibe versinnbildlicht. Der Winter ist besiegt, der Schütze (Sagittarius) wacht über die fünf Sommermonate.

Dieser Kreislauf von „Werden, Vergehen und Wiedergeburt“ spiegelt sich in vielen Religionen wider. So in der germanischen Mythologie: Der Sonnengott Baldur wird (indirekt) durch Lokis Pfeil getötet. [Mit dem Bild ist die Sommersonnenwende gemeint] Sein Sterben ist aber nur der Anfang seiner Reise. [Diese steht für die schwindende Leuchtkraft der Sonne] In der epischen Schlacht am Tag der Ragnarök zerstörten sich Götter, Riesen und Menschen gegenseitig und weihen die Welt dem sicheren Untergang. [Gemeint ist die Zeit von dem Herbst-Äqiniktium bis zum Winterpunkt] Doch es wurde auch prophezeit, dass die Lichtgestalt Baldur am Ende des Ragnarök aus dem Totenreich Helheim wiederkehren und mit seinem Glanz das Zeitalter einer neuen Welt einleiten werde. [Ab der Wintersonnenwende werden die Tage allmählich wieder länger. Die Sonne kommt wieder zu Kräften, was Baldurs Wiedergeburt ankündigt.]

In der griechischen Mythologie war Helios (gr. Ἥλιος, „Sonne“) der Sonnengott. Zusammen mit Selene (Mondgöttin) und Eos (Morgenröte) war er das Kind von Hyperion und Theia. Dem entspricht in der römischen Mythologie Sol (lat. sol „Sonne“). Er ist der Sonnengott der antiken römischen Mythologie. Bekannt ist er vor allem in seiner seit dem 2. Jh. n. Chr. gebräuchlichen Erscheinungsform als Sol Invictus (lat.; unbesiegter Sonnengott). Die zum Christentum bekehrten Griechen und Römer übertrugen diese Vorstellungen auf Christus. So zeigt ein Deckenmosaik der St. Peter Basilika, Rom (3. Jh.) Jesus Christus als Sonnengott. Der triumphierende, unbesiegte Gott Christus wird von zwei Pferden in seinem Sonnenwagen gezogen. Der Heiligenschein wird zum Strahlenkranz (mit Kreuznimbus) des Sonnengottes. Die Weinranken des Dionysus, der nach griechisch-römischer Mythologie aus der Unterwelt auferstand, werden zu Weinranken Jesu.


Abb. 9: Christus und Mithras als Sol Invictus

Und so liegt es nahe, diese Vorstellung auch auf das Runenkästchen zu übertragen, das ja mit dem Magierbild (Jesus als Sol; Maria als Luna) auf den unbesiegten Christus als Sol Invictus anspielt und mit dem Deckelbild von Ragnarök erzählt. Was sich dort abspielt, das hat auf den Seitenplatten seine irdische Parallele:
Der noblen Geburt und Kindheit eines Helden (Magierbild), wie sie mit dem Anbetungsbild zitiert wird, folgen der Auszug des jungen Kriegers in den Kampf (Romulus), ruhmvoller Sieg (Titus) und schließlich ehrenhafter Tod in der Schlacht (Herh-Os). Und eben hier schließt wieder das Magierbild mit der Geburt an, der ewige Kreislauf von Geburt und Auferstehung, und erneut hin zum Tod.

Überraschende Entsprechungen zu unserem Bild liefert das Mithras-Relief aus Heidelberg (2. Jh.), das die Römer hinterlassen haben. Der Mithraskult war ein seit dem 1. Jh. n. Chr. im ganzen römischen Reich verbreiteter Mysterienkult. Mithras ist eine römische Göttergestalt, eine mythologische Personifizierung der Sonne, die im Mithraismus verehrt wurde. Der Name Mithras geht auf den Gott Mithra aus der iranischen Mythologie zurück, auf die Matthäus (2.1) anspielt, wenn er die Besucher Μάγοι ἀπὸ ἀνατολῶν (Magier von Osten) nennt. Dieses Mithras-Relief stellt eine interessante Parallele zu unserem Deckelbild dar. 14 Bilder rahmen die Tauroktonie [Stiertötung]. Sol und Luna sind in die oberen Bildecken gesetzt. Unten im Bild erkennen wir eine Schlange. Die „Schlange“ (lat. Serpens) ist ein Sternbild des Sommerhimmels, das in der Nähe des Himmelsäquators verläuft und so die Tagundnachtgleiche symbolisieren könnte. Auch hier erscheinen Zwillinge, Cautes und Cautepates, die den Dioskuren Kastor und Pollux oder Romulus und Remus gleichen. Wenn der linke die Fackel senkt, deutet dies auf das Ende (Tod) des Jahres zur Wintersonnenwende hin, während sein Gegenüber mit der erhobenen Fackel die Sommersonnenwende (Auferstehung) verbildlicht.

Auch thematisch entsprechen sich Schnitzerei und Relief: Während Ragnarök das Ende des Äons und dessen Neuschöpfung darstellt, opfert Mithras den Stier (Tierkreiszeichen Taurus) zur Erneuerung der Welt. Aus dem Blut und Samen des Stiers regenerieren sich die Erde und alles Leben. Die Stelle, wo er (auf dem Relief) mit dem Dolch zusticht, entspricht im Sternbild den Plejaden, jenem Sternbild also, in dem unser Schütze Ægil steht. Neben dem Sonnengott Mithras gibt es mit dem ägyptischen Sonnengott Horus eine weitere Parallele.


Abb. 10: Sternbild Stier und die Plejaden

Horus wurde am 25. Dezember von der Jungfrau Isis geboren. Seine Geburt wurde von einem Stern im Osten begleitet. Dem Stern folgten drei Könige, um den Retter zu finden und zu beschenken. Mit 12 Jahren war Horus Lehrer und mit 30 Jahren wurde er (von Anubis) getauft und begann sein geistliches Wirken. Er hatte 12 Jünger, mit denen er umherreiste und Wunder vollbrachte (z.B. Kranke heilen oder auf Wasser laufen). Er wurde auch die Wahrheit, das Licht, Gottes gesandter Sohn, der gute Hirte, das Lamm Gottes genannt. Typhon hat Horus verraten, und er wurde ans Kreuz genagelt. Horus starb, und wurde begraben, um nach drei Tagen aufzuerstehen.
Ein vergleichbarer Gedanke steht auch hinter Homers klassischem Sonnenhelden Odysseus, der nach 19jähriger Irrfahrt an seinen Hof zurückkehrt und dort nach 3 Neumondnächten seine Identität offenbart. Und wenn er der einzige ist, der seinen Pfeil durch die 12 Ösen der aufgereihten Äxte schießen kann, dann wird seine Identität als Sonne deutlich, deren Strahl nach 19 Jahren wieder auf eine bestimmte Konstellation der Gestirne trifft. Gemeinsam haben all diese Religionen (s. Anmerkung) die Vorstellungen von der göttlichen Zeugung des „Gottmenschen“ (θεῖος ἀνήρ) in einer Jungfrau nobler Abkunft, von dem Besuch der drei Könige oder Magier bei ihm, von seinen Lehren und seinen 12 Jüngern und von seinem Opfertod sowie von Beerdigung und Auferstehung am dritten Tag zur Rettung der der Schöpfung, was man im Christentum mit dem Bild vom Kommen des Gottesreiches umschreibt. So bekennt man seinen Glauben an Jesus Christus „ … empfangen durch den Heiligen Geist, geboren von der Jungfrau Maria … gekreuzigt, gestorben und begraben, hinabgestiegen in das Reich des Todes, am dritten Tage auferstanden von den Toten, aufgefahren in den Himmel; sitzend zur Rechten Gottes, … von dort wird er kommen … zu richten die Lebenden und die Toten“.

Wenn das Deckelbild des Runenkästchens in die Reihe der Interpretationen kosmischer Abläufe gehört, wie sie weltweit seit der Antike und zuvor beobachtet, erzählt und illustriert worden sind, dann müsste sich Vergleichbares auch hier finden. Parallelen sind die 12 Sterne, die der Anzahl der Jünger entsprechen. Dass 3 von ihnen, das Orion-Trio, auch für die Magier stehen können (Kindheit), muss kein Widerspruch sein. Vom Frühlings-Äquinoktium, dessen Sternbild „Jungfrau“ nun am Himmel steht, bis zum Wintersternbild „Zwillinge“ sind es 9 Monate des Werdens (Schwangerschaft der Jungfrau). Somit würde das Erscheinen der aufgehenden Sonne der Geburt des Sonnengottes entsprechen.

Die Festung mit dem Bogenschützen [durch Konstruktion (27 S-Runen) und Zahl (54 Zinnen-Elemente) sowie Odins 3 valknutr] symbolisiert den Zenit auf der Sonnenbahn, personifiziert im Sonnengott (als der Odin auch gesehen wird). Das Szenario des Verrats und damit der Abstieg würde sich mit dem Herbst-Äquinoktium decken, das mit dem Anbruch des Winters gewissermaßen die Passion ahnen lässt. Der vom Pfeil Getroffene, der für den Blotmonaþ, den Blut- oder Opfermonat steht, symbolisiert das Selbstopfer jener Menschheitserlöser wie Horus, Mithras, Christus u.a. mehr. Mit dem Dezember, hier durch Kastor personifiziert, stirbt der Sonnengott (21. 12), um – nach drei Tagen in der Unterwelt mit Pollux (25. 12.) wieder aufzuerstehen. Der Jahreskreislauf aber setzt sich mit Tod und Auferstehung bis zum Ende der Zeit fort; 432000 Jahre bis zum nächsten Ragnarök!

Der Jahreszyklus nach dem Deckelbild:


Abb. 11: Der Jahreszyklus nach dem Deckelbid

Es sind noch Fragen zu klären, wie z.B. nach der Bedeutung der Pfeile und ihrer Anordnung; aber so viel dürfte erwiesen sein: Das Deckelbild des Runenkästchens feiert Odin (Wotan/Woden) als Sonnengott nach dem Bild des Sol Invictus, es sei denn, ein just zum Christentum bekehrter Runenmeister hätte hier mit traditionellen Mitteln den neuen Erlöser – Jesus als Sol Invictus an Ragnarök – begrüßen wollen. Somit gehört das Deckelbild des Runenkästchens zu den Interpretationen kosmischer Abläufe, wie sie weltweit seit der Antike und zuvor beobachtet, erzählt und illustriert sind; eine faszinierende Geschichte!

~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Fußnoten

1 13 Monate zu 28 Tagen ergeben ein lunares Jahr von 364 Tagen. Solares und lunares Jahr scheinen auch die Runenreihe zu bestimmen: Die 13te Rune vom Ende des futhark gezählt, ist j-Rune (ger, Jahr), vom Anfang gezählt ist es die 12te. Das mag die Kalenderfunktion der Runenreihe erklären.
2 Auf dem Magierbild, das auch diese Thematik (Kreislauf von Leben, Tod, Wiedergeburt, ...) darstellt, finden sich 3 dieser Zeichen ( I-Rune ) bei den Magiern und 3 weitere bei Maria und Jesus.
3 Eine Göttergestalt wie Baldur ist für England in jener Zeit nicht nachweisbar. Sol wird eine eigenständige Gottheit gewesen sein, wie es auch der Gebrauch der Rune s-Rune nahelegt. Wenn sie hier personifiziert wird, dann durch Christus als Sol Invictus auf dem Magierbild, wo er, nach Cæsar, mit seine Mutter als Luna und Wieland als Personifikation des Vulkanus zur Trias der germanischen Götter gehört.
4 ”The old English people split the year into two seasons, summer and winter, placing six months — during which the days are longer than the nights — in summer, and the other six in winter. They called the month when the winter season began Wintirfylliþ, a word composed of "winter" and "full moon", because winter began on the first full moon of that month.” (Beda Venerabilis)
5 Auf den Gürtel des Orion wiesen mich mein Netzadministrator und Dr. Harald Specht hin. Letzterer schlug auch die jetzige linksläufige Lesung der Monatsfolge vor, die sich besser zu der Gesamtdeutung fügt.
6 Schön, Ebbe. (2004). Asa-Tors hammare, Gudar och jättar i tro och tradition. Fält & Hässler, Värnamo. S. 228

7Die von Gladys Dickson herausgegebene arabische Astrologie nennt den 20. Mai für den Frühauf- und den 17. November für den Frühuntergang ; in der alten griechischen Tradition erwähnt die Geoponica (Kap. 1) die entsprechenden Daten für den 10. Juni und 4. November.
8 Die Griechen und Römer (lat. Vergiliae) betrachteten den Frühuntergang des Siebengestirns Anfang November als das Zeichen der Feldbestellung und das Ende der Schifffahrt. Mit dem Frühaufgang um den damaligen 20. Mai galten die Plejaden als Signalgeber für die beginnende Ernte. Ähnliches gilt auch für andere Kulturen. (Quelle: Wikipedia)

 

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