Home Alle Seiten (F R T H) - Die Götter, ihre Jahreszeiten und Wochentage

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Die vier Seiten: Ein Tummelplatz römisch-germanischer Götter
Sieben Gottheiten, ihre Wochentage und Jahreszeiten

1.1 Einleitung und Rückblick: Die Bilderfolge Magier [Vorderseite] Wegen gerade einmal eines Bildes mit christlichem Hintergrund wurde und wird das „Franks Casket“ als ein christliches Objekt, ein Reliquiar oder ein tragbarer Altar o. ä. angesehen1. Dabei bezieht sich keine der runischen Inschriften auf ein christliches Thema, wie auch immer! Dennoch bringen auch jüngere Interpretationen die Schnitzereien mit obskuren biblischen Texten in Verbindung2, obwohl – abgesehen vom Anbetungsbild der Magier – weder Bilder noch Runentexte darauf hindeuten. Tatsächlich hätte die christliche Mission heidnische Vorstellungen dämonisiert, während der alte Glaube alles vermeintlich hilfreiche Neue absorbierte, besonders gern natürlich die so reich Gaben (gifu schenkenden Magier. - Das danebenstehende Bild zeigt Wieland, den mythischen Schmied, den „Herrn der Alfen“, wie Nidud / Niðad ihn nennt3. Sein Schaffen steht für Reichtum (feoh, Vieh, geldwerter Besitz). Mit ihm tritt eine Szene der germanischen Mythologie neben die biblisch geprägte Darstellung.

Romulus (Romwalus) und Remus (Reumwalus) [linken Platte] entstammen der römischen Mythologie, obwohl die Szene (Wodens zwei Wölfe nebst anbetenden Kriegern im heiligen Hain) und sogar ihre Namensformen (wal, Blutbad, Leichen auf dem Schlachtfeldes) dem heidnisch kriegerischen Zweck angepasst wurden, dem Auszug (rideoþlæ unneg (dem Erbbesitz fern) Beistand erwünscht wird.

Titus erobert Jerusalem [Rückseite] ist ein Thema der klassischen römischen Geschichte, leicht angepasst an die Vorstellungen des Schnitzers, der hier die Symboltiere der Asen (stellvertretend für diese Götter) unter den Bogen setzt. Dieser Triumph des Titus soll Siege und Ruhm bescheren.

Herh-Os, eine niedere Gottheit oder Walküre [rechte Platte], bringt Tod über einen erwählten Helden5. Als hingebungsvolle Frau erweckt sie ihr Opfer, um den Gefallenen nach Wodens Walhall oder Freyjas Folkwang (falls es diese nordische Version damals und dort - Angelsachsen um 600 - schon gab) zu führen.

Ægil(i) [Deckel] schießt dort aus der Befestigung (Walhall) heraus auf Riesen, wohlmöglich, um die Sonne (kreisrunde Aussparung) zu verteidigen; Ragnarök.

Die Sequenz der Motive stellt einen idealen heroischen Lebenslauf dar, der die Folge „Geburt (Magier); Schutz der Fylgja (Wieland); Beistand bei der Ausfahrt in den Krieg (Romulus und Remus); Ruhmreicher Sieg (Titus); Tod auf dem Schlachtfeld und Auferweckung (HerhOs); Asgard, Kampf auf Seiten der Götter (Ægil).

1.2 Regelmäßigkeiten
Wenn wir uns die Runentexte genauer ansehen, entdecken wir mehr Regelmäßigkeiten als der Zufall erlaubt. So korrespondieren die Bildinhalte stets mit dem Akronym (Initial) der ersten (oben links) Rune des Textes und ist stets Anlaut eines bedeutungsvollen Namens oder Begriffes (z.B. Titus bzw. fisk). Da die Vorderseite nun zwei Bilder trägt, tritt neben die Rune f-Rune, (Initial von (fisk), oben linke Ecke, die Kenning gasric mit der Rune g-Rune, oben rechte Ecke.
Die Initiale des Ægil(i) dient demselben Zweck. Der Gesamtwert dieser 6 Runen f-Rune g-Rune g-Rune r-Rune t-Rune s-Rune A-Rune (F G R T S Æ) beträgt 72 (9 x 8 oder 3 x 24), ein Wert, der auch sonst mit den Inschriften angestrebt wird. Die Zahl 24 spiegelt die Anzahl der Runen im fuþark wider, deren Wert 300 beträgt. Die funktionalen Runen (f-Rune g-Rune r-Rune t-Rune) folgen auf eine (magische) 9-Runen-Formel auf der linken Leiste; auf der rechten Platte steht sie (nach der Bechwörung des Unheils mittels der Rune h-Rune auf der rechten Leiste vor der"Heilsformel" der Rune s-Rune. Diese Formeln zielen auf 11 bzw. das Mehrfache von 11 (330 bzw. 440) ab.
Letztendlich ergibt sich aus der Zahl aller Runen (288 > 3600) ein 10jähriger Sonnenkalender, während der Wert dieser Runen (3540) einen 10jährigen Mondkalender darstellt5.

1.3 Geschichtliches
Während die runenmagische Praxis auf einen heidnischen Hintergrund schließen lässt, zeugt die Wahl der Bildmotive von der Kenntnis abendländisch christlicher Tradition. Somit ist das Gabenkästchen in die Missionszeit Englands zu datieren und könnte dem heidnischen Penda von Mercia († 655) oder Edwin von Northumbria († 633) gehört haben. Letzterer wuchs als Heide auf und trat nur zögerlich zum neuen Glauben über, vermutlich auf Drängen seiner christlich geprägten Frau, zumal es auch machtpolitisch angezeigt war. Der König – welcher auch immer – wird beim Festgelage in der Halle goldene Gaben aus dem Kästchen an seine Helden verteilt haben. Feohgifu (f g), wie er gesagt hätte. Beutegut auf jeden Fall.
Seltsam, dass die heidnische Natur des Kästchens unerkannt blieb. Christliche Eiferer zerstörten häufig die dürftige schriftliche Überlieferung, sofern sie diese nicht in bereinigter Form übernahmen. Lediglich die isländische Tradition bewahrte etwas von dem Erbe vor dem „Fegefeuer“, indem sie das Überlieferte in den Skriptorien des 13. Jahrhunderts aufschrieb.
Natürlich verbietet die zeitliche Distanz (500 Jahre nach dem Runenkästchen) eine damit deckungsgleiche Interpretation, ebenso wie der andere Zugang, der auf die römische Überlieferung zurückführt (600 Jahre vor dem Runenkästchen), wo nach der Interpretatio Romana die Namen der germanischen Gottheiten durch die der entsprechenden römischen Götter ersetzt wurden. Soweit das Sol und Luna betrifft, ist das kein Problem, wenn aber die Götter durch ihre Attribute definiert wurden, ist die Identifikation weniger sicher.
Die beiden antiken Quellen, auf die wir uns beziehen, sind die Berichte von Julius Cäsar6 und (etwas ausführlicher) Tacitus7 . Cäsar schreibt: „Als Götter verehren sie nur Sol, Vulkanus (d.h. Feuer) und Luna, die sie sehen und deren offenbaren Einfluss sie wahrnehmen. Die übrigen Götter kennen Sie nicht einmal dem Namen nach.“ Rund einhundert Jahre später heißt es bei Tacitus: „Von den Göttern verehren sie am meisten den Merkur, dem sie an bestimmten Tagen auch Menschenopfer darzubringen für Recht halten. Herkules und Mars versöhnen sie durch zulässige Tieropfer.“ In dieser Konstellation steht Merkur für Wotan/Odin, während Herkules für Donar/Thor eintritt und Mars den Platz von Tyr einnimmt. Vermutlich erscheint Freyer, der über Sonne, Regen und damit über Vegetation herrscht, hier nicht, um es bei der favorisierten Trias zu belassen8. Wenn das Runenkästchen nun heidnisch inspiriert ist, sollten sich dort Spuren der einen oder anderen Trinität (wenn nicht Spuren beider) finden lassen. Für diese Untersuchung befassen wir uns zunächst mit der Vorderseite und setzen sie – so wie auch das Bildprogramm abläuft – im Uhrzeigersinn (rechtsläufig) weiter fort.

2.0 Die Trias der germanischen Götter
2.1 Die Trias nach Julius Cäsar: Sol, Luna, Vulcanus


© Trustees of the British Museum

Vorderseite f-Rune (F) und g-Rune (G)
Wie an anderer Stelle dargelegt9, handelt es sich bei der Darstellung der Magier um die heidnische Übernahme eines christlichen Motivs. Besonders auffällig ist dabei die Ersetzung des Engels durch einen (Wasser)vogel.
> Wenn heidnisch, dann dürfte der Vogel für die Fylgja (Schutzgeist) des Kindes stehen; den Lebenden erscheint sie gewöhnlich in dieser Gestalt.
> Die Rosette steht gewöhnlich für den Stern von Bethlehem, aber mit ihren 13 Strahlen (statt 12) weist sie auf einen lunaren Kalender hin. Dieser weist über 13 Monate zu je 28 Tagen ein 364 Tagejahr auf, das wiederum 52 Wochen zu 7 Tage beinhaltet. 13 Punktmarken füllen auch den Raum unterhalb der Gesichtsmedallions von Mutter und Kind, womit sie wohl als Herrscher über die Zeit gekennzeichnet sind.
> Der letzte der Magier, dessen Geschenk, Myrrhe, als Mittel zur Einbalsamierung Toter benutzt wird, ist durch einen Valknut gekennzeichnet. Dies ist das Kennzeichen Wotan/Odins, Gott der gefallenen Krieger und Herr über Walhall10. Damit werden Geburt und Tod neben einander gestellt. Von ähnlicher Bedeutung ist die eoh-Rune I-Rune (die 13. in der Runenreihe), die für die giftige Eibe steht. Man kann sie als Symbol für den endlosen Zyklus von Leben, Tod und Wiedergeburt verstehen, als Symbol von werden und Vergehen, oder als Zunehmen und Abnehmen eines Gestirns. Wo immer dieses Zeichen erscheint (Rechts und Deckel), da steht es in einem vergleichbaren Kontext. Die Gruppe Mutter und Kind findet sich so in keiner anderen Darstellung dieses Motivs. Gewöhnlich sitzt die Gottesmutter auf dem Thron und hält das Kind, das den Besuchern die Hand entgegen streckt, auf ihrem Schoß. Stattdessen sehen wir hier nur zwei Gesichter die scheibenförmig über einander gesetzt sind. Eine solche Darstellung erinnert an Medaillons, auf denen z.B. Sol Invictus (die unbesiegte Sonne) dargestellt ist, der offizielle Sonnengott des späteren Römischen Reiches, Schutzpatron der Krieger11.
Diese Vorstellung war schon vom Mithraskult inspiriert, der ja diesen Titel für seinen Erlöser gebrauchte, eine Bezeichnung, die die neue christliche Religion zusammen mit dem Dies Natalis Solis Invicti, dem 25. Dezember, Geburtstag der „unbesiegten Sonne“, übernahm. Damit wurde der Sonntag zum Tag der Auferstehung Christi und somit zum Tag der Ruhe und der Anbetung. Zusammen damit wurde die Jungfrau mit Luna identifiziert, die ihren Glauben widerspiegelt, so wie der Mond das Sonnenlicht reflektiert.
Zahlreiche Darstellungen zeigen sie mit der Mondsichel unter ihren Füßen, - eine Erinnerung an die heidnische Erdmutter, wohlmöglich. Papst Innozenz III (um 1200) erlaubte schließlich diese Identifikation: "Jeder, der in dem Schatten der Sünde begraben ist, sollte zum Mond hinaufschauen. Nachdem er die Gnade Gottes verloren hat, es nie mehr Tag wird, die Sonne nie mehr für ihn scheinen wird, bleibt ihm immer noch der Mond am Horizont. Lass ihn zu Maria sprechen. Unter ihrer Führung finden viele den richtigen Weg zu Gott." Sonne und Mond haben – vermutlich zusammen mit jener „Erdmutter“ – eine größere Rolle im heidnischen Glauben gespielt, die aber mangels schriftlicher Überlieferung kaum noch bekannt ist. Über die antiken Quellen aber ist die Identifikation von Christus mit Sol (m.) gut belegt, und so dürften die Darstellung der Gesichter in Form von Medaillons zu verstehen sein, insbesondere im Zusammentreffen mit den Magiern, die als Mithraspriester auch Sternkundige waren.

Wenn wir also Sol und Luna als zwei Gottheiten jener Trinität, die Cäsar erwähnt, entdeckt haben, stellt sich die Frage nach der dritten, nach Vulcanus, dem Gott des Feuers also. Der findet sich in der Gestalt von Wieland. Der geschickte Schmied ist Herr über das Feuer, genau wie sein römisches Gegenstück. Als Albe (Völundarkviða) gehört er der Vorstellungswelt der niederen Mythologie an12. Inhaltlich dürfte die Tötung der Kinder (dazu weiter unten) der gemeinsame Nenner sein. Wenn also Wieland als Personifizierung des Vulcanus neben Sol und Luna tritt, dann erklärt sich damit auch das Nebeneinander so widersprüchlicher Motive wie fromme Anbetung (christlich) einerseits und blutige Rache (heidnisch) andererseits. Doch dies ist nicht die einzige Funktion für diese Wahl:
1. Mit Wieland, dem Goldschmied, der Reichtum (feoh, Besitz) schafft, wird die Bedeutung der Rune f-Rune bildlich beschworen, während die Gaben (gifu, Gabe) bringenden Magier das Motiv für die alliterierende Rune g-Rune stellen. Einerseits helfen diese Runen, verstärkt durch Zahl und Wert, den Zauber der Bildformel zu stützen, zum anderen zusammengezogen zu feohgifu (Geldgeschenk, Freigiebigkeit) beschreiben sie genau den Inhalt des königlichen Schatzkästchen, nämlich jene Gaben, die der Herrscher, auf seinem giefstol in der Halle sitzend, freigiebig austeilen soll.
2. Das Motiv des „neugeborenen Königs der Juden“ (Jesus) dient der Verbildlichung des Familienhintergrundes des königlichen Besitzers des Schatzkästchens. Leitete man sich früher von den Asen her ab, suchte man nun die Verbindung zur „Heiligen Familie“. Die Fylgja, hier als Vogel, verbindet das Bildmotiv mit dem Wielandbild, wo der Schutzgeist dem Schützling mit der Vollendung der Rache zur Freiheit verhilft.
3. Diese Trinität von Sonne, Mond und Feuer – nach Cäsar Sol, Luna und Vulcanus – stützt die magisch gedachte Bild- und Textformel zusätzlich und fügt sich als Ganzes sinnvoll in den Kontext der übrigen Platten ein.

  2.2 Die Trias des Tacitus: Herkules, Mars, Merkur

2.2.1 Linke Seite r-Rune Herkules / Þunor/Thor


© Trustees of the British Museum

Die Abbildung der römischen Zwillinge unterscheidet sich von allen anderen, die wir kennen13. Entweder werden die Brüder allein mit der Lupa (Wölfin) gezeigt, oder aber – eher selten – bei der Auffindung durch den Schäfer Faustulus, niemals aber zusammen mit einer anbetenden Kriegergruppe und zudem noch mit einem zweiten Wolf, womit die beiden an Wotans Begleiter, Geri und Freki, erinnern. Die Wurzeln der Bäume sind als Zweigrunen zu deuten, an denen das Schicksal des jeweiligen Kriegers ablesbar ist.
Diese Attribute sind eher eine Interpretatio Germanica des traditionellen römischen Motivs. Die Funktion der Zwillinge als Schlachthelfer lässt sich an dem Einschub (wal) in ihre Namen, Romwalus und Reumwalus, ablesen. Damit werden sie in die Nähe der Walküren und Walstatt gerückt. Es hätte sicher näher gelegen, die heimischen Zwillinge Hengist und Horsa, berühmte angelsächsische Heerführer, ins Bild zu setzen, aber der Anlaut ihrer Namen mit dem runischen h-Rune würde Unheil heraufbeschwören. Demgegenüber haben die römischen Zwillinge die richtige Initiale, r-Rune (ae. rad, ne. ride) womit der Ritt oder die Ausfahrt gemeint sein kann. So beschreibt ae. Þunorrad den Donnerschlag und bezieht sich damit auf Thors Fahrt in seinem Streitwagen durch die Wolken14. Dass diese Rune in Verbindung zu dem Gott steht, belegt auch der Thorshammer von Lolland15, wo der Runenmeister dieses Symbol r-Rune in das Zentrum rückt und die Inschrift mit dem entsprechenden Runenwert kalkuliert. Von der Verbindung von Blitz (Hammer) und Donner (Rune) mag man sich besondere Wirkung im Kampf erhofft haben.

Der Text, der diese Darstellung umrahmt, endet (unten, linke Ecke) mit 3 Punktmarken. Wenn man den numerischen Wert auf die Runenreihe überträgt, entspräche dies der 3. Rune des fuÞorc, ae. ðorn (ne. thorn, d. Dorn). Sehr wahrscheinlich ist ðorn der christliche Ersatz für þunor (Donar, Thor), dem diese Kästchenseite zuzuordnen wäre. Mit ihm schließt die Beschwörung über Bild und Text, eingeleitet durch die 9-Runenformel oþlæ unneg16. Auf der Ausfahrt (ride) „fern vom Stammgut“, möge der Gott dem Krieger beistehen.

Þunor/Thor ist das germanische Gegenstück zu Herkules, den Tacitus in seiner Trias nennt.

  2.2.2 Rückseite t-Rune: Mars / Tiw/Tyr


© Trustees of the British Museum

Die Darstellung der „Eroberung Jerusalems durch Titus“ ist in zwei horizontale Ebenen gegliedert, die durch eine große Arkade auch vertikal getrennt sind. Die obere Ebene zeigt links den Sieg der Römer und rechts die Flucht der Juden, während unten links eine Gerichtsszene (dom) und rechts - als Folge dessen - eine Gruppe von Geiseln (gisl) dargestellt sind. Soweit scheint das Bild einer römischen Vorlage zu folgen, nicht aber so die drei Tierpaare unter der Arkade, in denen wir die Begleiter oder Embleme germanischer Gottheiten sehen können.
Unter dem Bogen sind zwei Vogelköpfe zu entdecken, die aus je einem valknut entspringen. Damit wären diese dem Gott Wotan/Odin ald dessen Raben Hugin und Munin zuzurechnen17; die Pferde (?) könnten auf Tiw/Tyr hindeuten. Die Wesen dazwischen müssten dann mit Þunor/Thor in Verbindung stehen. Ziegen sind es wohl nicht, aber vielleicht ganz allgemein „beasts of battle“18. Recht passend zu diesen Stellvertretern der Götter krönt die Arkade ein florales Objekt, das dem Kennzeichen z-Rune der Walküre (vgl. Wielandbild) ähnelt, allerdings ist noch ein Kreuz (wie am Anfang der oberen Inschriftleiste) integriert. Kalkuliert oder nicht, 24 horizontale Segmente (8x3) unterteilen diese Bogenkonstruktion.
Auch auf dieser Platte wird, auf dem linken Rand, die Inschrift durch eine 9-Runenformel eingeleitet, der (oben links) als erste Rune t-Rune folgt, mit welcher der Name Titus anlautet. Auch hier entspricht der Runenname tir (Sieg, Gerechtigkeit) dem Bildinhalt. Dies sind die Qualitäten, die sich an Tiw/Tyr, den alten Gott des Kampfes und des Things (Gericht), heften.

Tiw/Tyr ist das germanische Gegenstück zu Mars, den Tacitus in seiner Trias nennt.

  2.2.3 Rechte Seite s-Rune: Merkur / Woden/Odin

Auch für diese Darstellung als Ganzes gibt es keine Parallelen, weder in der heidnischen noch in der christlichen Kunst. Das Bild gliedert sich in drei emblematische Szenen, deren Aussage mit dem Symbolgehalt der stabtragenden Runen der drei Verse korrespondiert. Der Hintergrund ist die heidnisch-germanische Vorstellungswelt von Tod und Auferstehung der Krieger. Der Text ist mittels Ersatz der Vokalrunen durch runenähnliche Zeichen kryptographisch abgefasst, um das Schicksal (wyrd) nicht vorzeitig herbeizurufen.
Wenn wir nun die drei Verse den Bildern zuordnen, dann bezieht sich der erste ("Die Waldgottheit sitzt auf dem Unheilsberg")19 auf das linke Teilbild. Dort steht ein zum Kampf gerüsteter Krieger einem Mischwesen gegenüber, das die Züge verschiedener Kreaturen in sich vereinigt. Anatomisch betrachtet, hat es gewisse Ähnlichkeit mit Rehwild, niemals aber mit einem Pferd; es ist zudem mit Armen und Flügeln ausgestattet. Um das Maul scheint sich eine Schlange gewickelt zu haben, die sich dem Krieger zuwendet. Der Rock, mit dem es auch noch bekleidet ist, kennzeichnet den menschlichen Wesenszug. Dem entspricht auch ihre Anatomie (Gelenke) in der Sitzhaltung. Der angedeutete Hügel, der Sitz der Kreatur, ist der "Unheilsberg" (Harmberg).
Von der Mythologie her wissen wir, dass der Krieger im letzten Kampf seiner Walküre begegnet, die ihn durch ihren furchterregenden Anblick lähmt, so dass er - aglac drigiÞ - von seinem Feind überwunden werden kann, - scheinbar nur, denn Odins Recken unterliegen keinem Menschen. Vogelflügel und Rock lassen diese Deutung (Walküre) wahrscheinlich werden, und auch ihre übrige Reh-Natur, denn die Rune z-Rune, (ae. eolh, ne. elk, Elch) steht ja auch für die Walküre, die Erwählerin der Gefallenen20. Zufall oder nicht: Die Form ihrer Rune erinnert an den Fußabdruck der Wasservögel, deren Gestalt sie ja auch annimmt, so wie elk noch im 16. Jh. den „Wildschwan“ (lat. Cygnus ferus und bis ins 19. Jh. die „Wildgans“ Anas anser bezeichnete, beides Erscheinungsformen der Odin-/Wodenstöchter. Zudem bezeichnet elk auch jene Eibenart (ae. eoh, 13. Rune I-Rune des fuþorc ), aus der man Pfeilschäfte und Bögen herstellte, das Medium, mit dem die Walküre (indirekt) ihren Krieger auf den Weg nach Walhall schickte.
Sie handelt, swa hir i erta e gisgraf, so „wie Erta es ihr aufgetragen hat“. Aus ihr spricht also die Schamanin. Dazu mag die Schlage passen, die den Weg in die Unterwelt weist, während große Vierfüßer (Pferd oder Rentier) schützende Kräfte haben und Vögel als Boten zwischen den Welten anzusehen sind. Die Schlange ist ein Symboltier Odins, der ihre Gestalt annehmen kann (Heimskringla 7), also auch durch sie spricht. Zum einen ist sie Todessymbol, da sie im Dunklen der Erde haust, zum anderen aber auch Sinnbild der Wiedergeburt, da sie sich häutet und sich somit, wie es scheint, erneuert. Diese Symbolik entspricht dem Handeln der Walküre, die dem Krieger den Tod bringt, ihn aber damit zum Leben in Walhall erwählt. Wie das geschieht, beschreiben die drei Tituli: rici > wudu > bita. Sie lassen sich als Kenningar verstehen, wonach ein geschleuderter Zweig (Reis) zum Speer (Holz) und zum Todbringer (Beißer) wird. So geschah es dem Lichtgott Baldur, der Lokis Mistelzweig erliegt; und so geschieht es dem König in der Gautrekssaga, als er (aber nur zum Schein) geopfert werden soll: "Dann erhob Starkathr den Zweig gegen den König und sagte: 'Nun übergebe ich dich an Odin.' Dann ließ Starkathr den Zweig fahren. Der Zweig wurde zum Speer und durchbohrte den König..." Ist der Zweig hinter dem Pferd das Geschoss und deuten wir seine Blätter als sog. Zweigrunen (3. ætt, 1. Zeichen; 3/1), dann verbirgt sich hier schon die Rune t-Rune, die in bita sichtbar wird, während die Wurzeln der drei Pflanzen als h-Rune und i-Rune zu lesen wären, was auf Unheil und Tod hinweist.
Wenn Erta nun eorþan modor, die Erdmutter ist, dann fügt sich der Vers für den Laut ‚ea’ q-Rune(ear, archaisch für ‚Erde’) trefflich zum Geschehen: „[Die Erde] ist jedem Krieger ein Grauen, wenn sein Fleisch schnell zu erkalten beginnt und in den dunklen Boden gebettet wird.“ (ags. Runenlied) Damit ist der Tod beschrieben, der eine Aspekt des Geschehens; der andere ist das Nachleben, hier die Auferstehung nach Walhall. So heißt es von der Walküre, dass sie – nun in ihrer menschlichen Gestalt – ihrem Opfer den belebenden Trunk bringt, dem Wiederbelebten durchaus irdisch im Grab beiwohnt, um ihn dann - so kennen wir es von den gotländischen Bildsteinen her - zu Pferde nach Walhall zu geleiten, ganz so, wie es das mittlere Teilbild darstellt. Wenn dieses Grab 11 füllende Elemente aufweist, dann mag das auf die I-Rune i-Rune (is, Eis) hindeuten, die quasi synonym mit „Tod“ ist. Neben dem Grab steht die Walküre, jetzt in ihrer menschlichen Gestalt, um ihren gefallenen Helden mit einem Schluck (alu, heute ale vielleicht) aus dem Kelch zu revitalisieren. Sie hält einen Stab, der in die Rune t-Rune in bita übergeht und damit zum Speer wird. Das Pferd ihr gegenüber – durch zwei Todesknoten, valknutr als zu Wotan / Odin gehörig gekennzeichnet – bringt den Auferstandenen nach Walhall.
Rechts: Zwei Gestalten in Umhang und Kapuze scheinen eine dritte (mundlose?) Person ergriffen zu haben, eine Konstellation, wie wir sie von der Geldbörse von Sutton Hoo kennen. Es scheint, als versuchten sie, das Opfer auf ihre jeweilige Seite zu ziehen. Die Symbole hinter ihnen mögen auf ihre Natur hinweisen, wenn wir sie denn deuten können. Beide sind uns bereits begegnet: Das Kreuz (links) steht dem Namen Titus voran und mag auf diesseitige Qualitäten wie Stärke und Sieg zielen, während das Zeichen der Eibenrune I-Rune für Tod und Wiedergeburt steht, hier also für den Eingang nach Walhall. All das deutet in Richtung Woden/Odin. Herh-Os hätte demnach in seinem Auftrag gehandelt, indem sie (h-Rune,hagal, Hagel) harm, Unheil, über den Krieger bringt und ihn damit für das Leben unter der Sonne (s-Rune, sigel) erwählt.
Tatsächlich (wenn wir den umlaufenden Text betrachten) überwindet diese lebensspendende Rune s-Rune den Tod, den die I-Rune i-Rune (is, Eis) versinnbildlicht; denn alle 6 kryptographischen I-Runen sind durch Varianten der S-Rune (Sonne) des älteren fuÞark ersetzt worden.
Somit ist das qualvolle Leben im Schattenreich der Hel zum Leben in Odins Walhall gewandelt, was die Doppelnatur des Gottes selbst illustriert. Aber auch die stabenden Runen spiegeln diese Abwehr: Der erste Vers alliteriert auf h-Rune (h), was Unglück bedeutet, während der zweite Vers mit dem Stab auf a-Rune und e-Rune (a und e) die Wirkung abwenden. Die dann folgende 9-Runenformel drigiÞ swa steht der dritten Langzeile voran, die auf s-Rune (s) alliteriert. Odins lichtes Reich in Asgard hat damit den Tod überwunden. Folgt man Simrock24 und anderen, dann steht Odins verpfändetes Auge für die Sonne. All dies deutet darauf hin, dass die S-Rune für eben diesen Gott steht.

Odin ist das germanische Gegenstück zu Merkur25, den Tacitus in seiner Trias nennt.
Mit ihm ist die Trias, die der römische Historiker nennt, komplett auf drei Seiten des Runenkästchens vertreten.

  2.4 Zusammenschau: Die vier Seiten

Die Vorderseite zeigt zwei Motive. Mit Sonne (Sol) und Mond (Luna), verkörpert durch Christus und Maria, und mit Wieland anstelle von Vulcanus, Gott des Feuers, ist die von Cäsar behauptete Trias hier vertreten.
Wie wir gesehen haben, verfolgt die Wahl der Motive ein bestimmtes Muster. Indem die Vorderseite zwei so heterogene Motive wie Maria mit Jesus und Wieland neben einander rückt, gibt sie die von Cäsar genannte Trinität von Sol, Luna und Vulcanus (Gott des Feuers und der Schmiede) wieder. Zugleich bezieht sich die Darstellung auf Modraniht, da Christi Geburt auf dieses heidnische Fest gelegt wurde. Somit sind Tod (Magier mit Odinsknoten, Schmied und toter Königssohn) sowie Geburt Thema der Darstellung. Diese illustriert <k>geol, Jul, das Sterben der Sonne (d.h. des alten Jahres) und ihre Wiedergeburt (Sol invictus).

Die linke Seite zeigt die römischen Zwillinge (Söhne des Mars; nach anderen Quelle die des Herkules[!]). Sie werden – obwohl herangewachsen – als Säuglinge der Lupa gezeigt. Romulus, der nach seiner Himmelfahrt den alten Kriegsgott Quirinus ersetzt, liefert mit der Initiale R die thema-gebende Rune r-Rune, rad, „Ausfahrt“, was auf Þunor/Thors donnernde Fahrt (Þunorrad)26 durch die Wolken weist. Der Kreis schließt sich hier, da Thor das germanische Gegenstück zu Herkules ist, der auch als Vater der Zwillinge angesehen wird. Diese –insbesondere Romulus – sind Schutzhelfer, die den Kämpfern bei der Ausfahrt (rad) in die Schlacht beistehen.

Die Rückseite schildert den Sieg des Titus über Jerusalem (70 AD). Der spätere römische Kaiser wurde schließlich durch den Senat zum Gott erhoben. Seine Initiale, die thema-gebende Rune t, geht auf die alte Gottheit Tiw/Tyr zurück, dessen römisches Gegenstück der Kriegsgott Mars ist. Ursprünglich war Mars (und so wohl auch Tiw) Agrargott227 , dessen Feste (in März und Oktober) den Sommer rahmen. Die Rune steht für Sieg und Gerechtigkeit, die Grundlage für den Ruhm und Ehre – auch für unseren Helden – sind.

Die rechte Seite illustriert den Tod eines Kriegers, herbeigeführt durch Wotan/Odins Walküre. Durch seine Erhebung nach Walhall wandelt sich der Tod zum Heldenleben unter den Einheriern. Herh-Os bringt zunächst das Unglück, so wie es ihre runische Initiale h-Rune (hagal, Hagel) ahnen lässt. Die Rune i-Rune, is, Eis, nimmt hier die Form der s-Rune s-Rune an, die ‚Leben’ bedeutet, um schließlich durch die Alliteration auf s-Rune dieses Leben zu beschwören. Damit wird der Tod zur Wiedergeburt, ein passendes Bild für den Tod der Sonne und ihre Auferstehung. Zugleich kann man das Geschehen als Sinnbild der Ernte verstehen, die in sich den Keim der neuen Saat trägt. Unserem Helden ist damit das Nachleben gesichert.

Kurzgefasst, die beiden Trinitäten, von denen Cäsar und Tacitus berichten, scheinen Teil des angelsächsischen Pantheons gewesen zu sein, da sie auf dem Franks Casket als Hintergrund des heidnischen Szenarios dienen. Noch zu klären ist die Frage, wie sich der Deckel in diese Götterwelt fügt.

3.0 Der Deckel (Æ)


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Einzig das Mittelsegment des Deckels hat überlebt; die beiden angrenzenden Teile werden silberne Beschläge gewesen sein, welche die Darstellung ornamental kommentiert haben mögen. Auch dieses Bild folgt keiner klassischen Vorlage, da es heidnisch-germanische Vorstellungen wiedergibt28. Die Bilderfolge bisher spiegelte ein heroisches Leben von der noblen Geburt über den Auszug in den Krieg, den ruhmreichen Sieg bis zum Heldentod, der für den Einzug nach Walhall, ins Reich der Asen, qualifiziert. Somit bedarf es wenig Spekulation, in der Darstellung hier diesen erhabenen Ort, Asgard, zu vermuten. Ist es aber nun Woden/Odins Schlachtfeld an den Tagen von Ragnarök?29. Die Angreifer (links) – zwei von ihnen übergroß – bewegen sich auf die Festung (rechts) zu. Ihnen begegnen zwei oder drei gekrümmte, teils nackte Gestalten, bei denen es sich um Verteidiger handeln mag. Sie sind in einer eher misslichen Lage.
Ob hier allerdings eine Szene gestaltet wurde, ist so sicher nicht. Denkbar ist auch eine Komposition aus Emblemen, die sinnbildhaft für ein Geschehen stehen.

3.1 Asgard
Rechts von dem runden Segment, das einst ein bedeutsames Element (nicht einen Knopfgriff) getragen haben wird, liegt eine befestigte Anlage (Mauern mit Zinnen, also kein Haus) mit einem Tor (und folglich kein Fenster) in horizontaler Projektion30. Die 18 Zinnenelemente, unterteilt in 54 Segmente, können als Symbol für die 540 Tore Walhalls gedeutet werden, während die Elemente, aus denen die Mauer gefügt ist, die Form von 24 oder 27 an- bzw. ineinander- gefügten S-Runen s-Runes-Runes-Rune haben. Das Runensymbol mit der Bedeutung „Sonne“, also Licht und Leben, fügt sich somit passend zu dem Ort einer Sonnengottheit. Der Bogenschütze trägt den Namen Ægil(i). Die runische Initiale yA-Rune (æsc) steht für die "Esche" und symbolisiert somit „Verteidigung“.
Abgesehen davon kennt die nordische Mythologie die Weltesche Yggdrasil32, Hort der neun Welten, mit Asgard, dem Reich der Asen, in ihrem Wipfel. Folgt man diesem Bild, dann steht die Bogenkonstruktion für Odins Thron, Hlidskialf, und die doppelköpfigen Tiere würden seine beiden Raben sowie seine zwei Wölfe versinnbildlichen. Von hieraus kann der Gott alle neun Welten, welche die germanische Kosmologie umfasst, überblicken und belauschen. Der Deckel wäre der angemessene Ort dafür, - sei es der Himmel, sei es Asgard. Wer die Person auf dem Thron ist, Gott oder Göttin, wenn nicht Kampfhelferin, bleibt unbeantwortet.
Im Skírnismál, ist es Freyr, der im Thronsessel Hliðskjálf sitzt, von wo er nach Jötunheimr blickt und dort die schöne Riesin Gerðr erblickt, in die er sich verliebt. Freyr bittet seinen Freund und Diener Skirnir, für ihn zu werben und gibt ihm sein magisches Schwert (das in der Hand des Kundigen selbständig kämpft) und seine Stute mit auf den Weg. Gerð wird Freyrs Frau, was der casus belli für die Riesen ist. Ohne sein Schwert, bewaffnet nur mit einem Hirschgeweih, tritt Freyr dem Riesen (jötunn) Beli entgegen. Letztlich aber wird er von dem Feuerriesen Surtr im Ablauf von Ragnarök geschlagen.
Wenn wir Nacktheit als Kenning für „Unbewaffnet-sein“ auffassen, dann könnte Freyer einer der beiden Gestalten unter bzw. über der Scheibe sein, die einst vermutlich ein goldenes(?) Sonnenemblem getragen hat. Die andere nackte Gestalt könnte Skirnir darstellen, der seinem Freund in den Kampf folgt, wobei er aufgrund seiner Stellung kaum besser gerüstet sein dürfte als sein Herr. Da man Freyr auch als Sonnengottheit33 angesehen hat, würde sich diese Nähe zu seiner Natur fügen, da die Sonne das eigentliche Angriffsziel bei Ragnarök ist. Letztendlich wird sie vom Wolf Fenrir verschlungen, so wie auch Odin selbst. Bei dem Kampf hier auf unserem Bild wird es somit um die Sonne gehen, um den Angriff der Riesen und ihre Verteidigung durch die Asen. Die beiden nackten Gestalten sind Teil des Geschehens; sie liegen nicht etwa tot auf dem Boden, sondern bewegen sich (mangels Perspektive) neben der Sonne. Sie sind unterschiedlich groß, so dass die obere (größere) Figur vermutlich für den Sonnengott34 stehen könnte.

3.2 Die Jahreszeiten
Von Asgard aus, vom Wipfel Yggdrasils, herrscht Freyr über die Trinität von Sonne (Sol), Mond (Luna) und Feuer (Vulcanus), die auf der Vorderseite durch Jesus mit Maria und Wieland vertreten werden, und über die bekanntere Trias von Thunor/Thor (Herkules), Tiw/Tyr (Mars) und Wotan/Odin (Merkur) auf den übrigen Platten.
Mit Blick auf die ursprünglich engere Verbindung der Gottheiten mit der Vegetation können wir die Abfolge der Platten (im Uhrzeigersinn) als Jahreszeiten verstehen, wobei die Vorderseite, welche dann für den Winter stehen würde, wegen Maria und Jesus von der heidnischen Trias absticht. Folgt man aber Tacitus35, nach dem die Germanen nur drei Jahreszeiten kannten, dann wären also Thor, Tyr und Odin die „zuständigen“ Vegetations-Gottheiten (Aussaat, Reife, Ernte), während Maria (Luna) hier Modraniht36 symbolisiert, womit das alte Jahr endet und das neue beginnt. Jesus (Sol Invictus) steht dann für die Sonne am Wendepunkt zwischen Tod und Auferstehung, die mit geol, dem Julfest, gefeiert wird.

Links: (Þunor/Thor) [Winter] Frühling, lenten
Rückseite: (Tiw, Tyr) Sommer, sumor
Rechts: ( Woden/Odin); [Herbst] > Winter, (hærfest) winter
Vorderseite: (Maria/Jesus): [Winter] Modraniht, Geol[zwischen den Jahren]

Allerdings kannte man zu der Zeit, als das Kästchen entstand, die vier Jahreszeiten, also auch den Herbst (hærfest). Beda Venerabilis kennt das Jahr, geteilt in vier Jahreszeiten zu je drei Monaten, obwohl, wie er berichtet, „ … gewöhnlich nur zwischen Sommer und Winter nach der Länge der Tage unterschieden“ werde. Somit könnte man die rechte Seite dem Herbst, und die Vorderseite dem Winter zuordnen. Thematisch fügen sich die Motive sehr gut zu den Jahreszeiten und ihren Gottheiten: Die römischen Zwillinge als Säuglinge (oder Jünglinge) stehen sinnvoll für den Frühling, Titus, der siegreiche Feldherr auf dem Weg zur Kaiserwürde, tritt für den Sommer auf, während der nach Walhall auferstandene Held gewissermaßen herbstlicher Ernte vergleichbar ist. Das christliche Duo beansprucht die Wintersonnenwende und damit das Frühjahr für sich.

3.3 Die Wochentage
Auf den zweiten Blick bemerken wir, dass mit den Göttern beider Trinitäten auch die (englischen) Wochentage vertreten: Sun, Moon, Tiw, Woden und Thor. Falls das stimmt, müssen Frigg und Saturn noch identifiziert werden. Saturday (Sæternesdæg) ist römischen Ursprungs und bezieht sich auf Saturn, den Gott des Ackerbaus und aller Vegetation. Wieland, der hier für Vulcanus steht, tritt an dessen Stelle.
Vulcanus gilt als Gott des Feuers und der Schmiedekunst, was ihn mit Wieland verbindet; aber das schafft keinen Bezug zu Saturn, der selten als Feuergottheit angesehen wird. Er galt eher als Gottheit des Werdens und Vergehens, der Aussaat und des Ackerbaus sowie des Reichtums. Die spätere Tradition schrieb ihm auch Wesenszüge des Kronos zu. Als dieser hörte, dass ihn seine beiden ungeborenen Söhne stürzen würden, so wie er selbst seinen Vater Uranus entmachtet hatte, verschlang er seine beiden Kinder unmittelbar nach ihrer Geburt. Dies mag der gemeinsame Nenner mit Wieland sein, der Niðuds beide Söhne erschlägt, um aus deren Köpfen Trinkschalen für die Eltern zu fertigen. Indem diese daraus trinken (so wie Kronos seine Söhne verschlingt), löschen sie damit die eigene Linie aus. Darüber hinaus soll Saturn / Kronos Züge des phönizischen Molochs tragen, dem manche Eltern ihre Kinder als Brandopfer darbrachten.
Wenn wir nun „Saturday“, Sæternesdæg, auf Wieland beziehen, dem Sunday, Sunnandæg (Jesus als Sol Invictus) und Monday, Monandæg (Maria als Luna), folgen, dann haben wir nun drei aufeinander folgende Wochentage, die von der Trinität auf der Vorderseite abgeleitet sind, während die übrigen vier Tage von den Asen, die hinter den vier übrigen Bildern und Themenrunen stehen, herzuleiten sind. Auf Tiw, Woden und Þunor (seitlichen Platten) müsste nun Frigg für Friday (Frigedæg) folgen. Sie ist das wichtigste weibliche Wesen unter den Asen, Gemahlin des obersten Gottes, Woden/Odin, und germanisches Gegenstück zu Venus, nach der die meisten romanischen Sprachen diesen Tag benennen. Und sie ist die Mutter von Baldur, der in der nordischen Mythologie als Gott des Lichts, des Frühlings und des Rechts gesehen wird (Prosa Edda). Sein Tod, den sein Bruder Höðr versehentlich verursachte, ist sowohl großes Leid für die Asen als auch ein Omen in Hinblick auf Ragnarök. Ist er eher eine Vegetationsgottheit (Sonne) und weniger einer der Asen, dann stirbt er, um wieder wieder geboren zu werden, quasi eine Interpretatio Germanica des Sol Invictus, wie wir sie in Bezug auf Christus (Magierbild) kennen. Frigg, die kraftvolle Muttergottheit ist mit Maria gleichzusetzen, zwei unter den wenigen Frauen, die in der heidnischen bzw. christlichen Religion eine bedeutsame Rolle spielen. Beide sind "Mütter des Lichts". Wenn es hier nun um die Wiedergeburt der Sonne geht, dann ist Frigg die zentrale Figur in diesem Geschehen. Ihr Name prägt den Wochentag "Freitag".

Unsere Betrachtung der vier Platten des Kästchens hat deren Zuordnung zu den Jahreszeiten erschlossen. Während die Vorderseite zu Mōdraniht die Trias nach Cäsar zitiert, steht hinter den drei Vegetationsperioden die Trias nach Tacitus.
Diese Götter stehen zugleich für die Wochentage, die nach ihnen benannt sind.

Um die Monate und den Jahreszyklus zu erfassen, wenden wir uns den Sternen zu. Der passende Ort für den Sternenhimmel ist der Deckel, dessen Darstellung uns von Midgard nach Asgard entführt.


1 Einen Überblick über die Literatur bis 1970 in: Alfred Becker: Franks Casket. Zu den Bildern und Inschriften des Runenkästchens von Auzon (Regensburger Arbeiten zur Anglistik und Amerikanistik. Band 5). Carl, Regensburg 1973
2 Gabriele Cocco, The Bowman who takes the lid off the Franks Casket (2009 CUEC Editrice); Marijane Osborn, "The Seventy-Two Gentiles and the Theme of the Franks Casket." Neuphilologische Mitteilungen: Bulletin de la Societe Neophilologique/ Bulletin of the Modern Language Society 92, 281-288, and “The Lid as Conclusion of the Syncretic Theme of the Franks Casket“, in A. Bammesberger (ed.): Old English Runes and their Continental Background, Heidelberg 1991, pp. 603-628; L. Webster, "The Iconographic Programme of the Franks Casket," in J. Hawkes & S. Mills (ed.) Northumbria’s Golden Age (1999), pp. 227 – 246
3 Völundarkviða (32) “Seg þú mér þat, Völundr, vísi alfa, …” Edition von Guðni Jónsson; als “lord of the elves”, by Auden, Taylor.
5 Wolfgang Krause: Erta, ein anglischer Gott. In: Die Sprache. 5. Festschrift Wilhelm Havers, 1959, S. 46–54. For more background see Alfred Becker: Franks Casket Revisited. In: Asterisk. A Quarterly Journal of Historical English Studies. 12/2, 2003, S. 83–128; http://www.franks-casket.de/english/right02.html
5 Alfred Becker: A Magic Spell „powered by“ a Lunisolar Calendar. In: Asterisk. A Quarterly Journal of Historical English Studies. 15, 2006, S. 55–73 und www.franks-casket.de
6 De Bello Gallico: Liber VI - Kapitel XXI: „Deorum numero eos solos ducunt, quos cernunt et quorum aperte opibus iuvantur, Solem et Vulcanum et Lunam, reliquos ne fama quidem acceperunt.“
7 De origine et Situ Germanorum liber 9,1: “Deorum maxime Mercurium colunt, cui certis diebus humanis quoque hostiis litare fas habent. Herculem ac Martem concessis animalibus placant.”
8 Eine sehr gute Einführung in die Vorstellungswelt der Angelsachsen bietet Stephen Pollington, The Elder Gods: The Otherworld of Early England (2011)
9 Alfred Becker: The Virgin and the Vamp. In: Asterisk. A Quarterly Journal of Historical English Studies. 12/4, 2003, S. 201–209. Same: http://www.academia.edu/10797187; "Die Jungfrau und der Vamp" in :http://www.franks-casket.de/deutsch/anhang07.html
10 Alby Stone, "The Knots of Death", http://www.franks-casket.de/english/guest03.html
11 S. Pollington, The Elder Gods, The Otherworld of Early England (2011) S. 401
12 W. Golther, Handbuch der Germanischen Mythologie, S. 122 ff; Alfred Becker: Franks Casket. Zu den Bildern und Inschriften des Runenkästchens von Auzon, p. 164 f
13 See http://www.franks-casket.de/english/left02.html
14 Pollington, Elder Gods, p. 199-203, Þunor
15 A.Becker, “Mjölnir: The Købelev Runic Thor's Hammer” http://www.franks-asket.de/english/appendix11.html
16 Die 3 Formeln zu je 9 Runen produzieren den Gesamtwert 330, während die Formel auf der rechten Seite mit ihren 9 Runen 110 produziert. Vermutlich hat man durch 11 teilbare Produkte angestrebt.
17 See above, Alby Stone, "The Knots of Death"
18 S. Pollington, The English Warrior (1996), Beasts of Battle, pp 47 – 53
19 So W. Krause, „Erta, ein anglischer Gott“, Die Sprache 5 (1959); andere trennen „Her Hos …“, und interpretieren Hos als fehlerhaftes Horsa, um dann in der Kreatur ein sitzendes Pferd zu erkennen.
20 eolh sedge …macht eine garstige Wunde, die jeden Krieger, der es berührt, blutüberströmt. (ags. Runenlied)
21 Pollington, Elder Gods, S. 69 und 189
22 http://www.franks-casket.de/deutsch/anhang07.html
23Die magische Formel “alu” bedeutet „Bier“. 3 Runen produzieren den Wert (4+21+2) 27, also 3 x 3 x 3. Beabsichtigt oder nicht, jede einzelne Rune hat über ihren Namen positive Bedeutung (ansuz, laukr, ur).24Karl Simrock, Handbuch der Deutschen Mythologie, S. 210 – 214
25 Nach Tacitus (Germania) setzten spätantike und frühmittelalterliche Chronisten den germanischen Gott Wodan/Odin mit Merkur gleich, was sich bei der Bezeichnung des Tages zum Beispiel als wednesday im Englischen und onsdag im Schwedischen bis heute nachvollziehen lässt. (Wikipedia)
26 Dazu Mjölnir: Der Købelev Runen-Thors Hammer. http://www.franks-casket.de/deutsch/anhang11.html
27 Vgl. Cato, de agri cultura 141. wo Mars bei einer rituellen Reinigung der Äcker angerufen wird.
28 Dazu http://www.franks-casket.de/deutsch/deckel02.html
29 Schon frühe Deutungen [Worsaae (um 1900), J. Sephton (1896), E. Schultz (1941)] erklären das Bild mit Ragnarök, wo die Feuerriesen die Götter bekriegen, Auch sie beziehen sich auf die drei valknutr (triquetra) hier.
Dazu auch. Alfred Becker: Franks Casket (Regensburg, 1973), S.86 f.
30Der schwedische Bildstein Ardre VIII zeigt Wielands Schmiede in dieser Projektion
31 Runic Poem: Æsc biþ oferheah, eldum dyre, stiþ on staþule, stede rihte hylt, ðeah him feohtan on firas monige. – Die Esche ist sehr hoch gewachsen und den Menschen lieb. Mit ihrem starken Stamm leistet sie unbeugsamen Widerstand, auch wenn sie von vielen Menschen angegriffen wird.
32 J. Hoops, Reallexikon der germanischen Altertumskunde, Band 29, p.3
33 Wikipedia: Freyr or Frey is one of the most important gods of Norse religion. The name is conjectured to derive from the Proto-Norse *frawjaz, "lord". Freyr was associated with sacral kingship, virility and prosperity, with sunshine and fair weather…
34 Wikipedia: Er herrschte über Regen und Sonnenschein und wachte als Fruchtbarkeitsgott über das Wachstum. Sein Kultzentrum war Uppsala, wo er neben Thor und Odin verehrt wurde. Saxo schreibt, dass ihm dort jährlich ein Opfer von Hadingus und seinen Nachkommen dargebracht worden sei (Saxo I, 8, 12). Nach Adam von Bremen geschah dies nur alle 9 Jahre, wobei Menschen und Tiere getötet worden seien (Adam IV, 27)
35 Tacitus, Germania, 26: (Nach der Erklärung einer Art Drei-Felder-Wirtschaft heißt es) ….Daher teilen sie das Jahr selbst auch nicht in gleich viele Abschnitte wie wir: Winter, Frühling und Sommer haben bei ihnen einen Sinn und eine eigene Bezeichnung; vom Herbst sind Name und Gaben gleich unbekannt.
36 Beda Venerabilis, De Temporum Ratione, 15, 3: Et ipsam noctem nunc nobis sacrosanctam, tunc gentili vocabulo Modranicht, id est, matrum noctem, appellabant, ob causam, ut suspicamur, ceremoniarum quas in pervigiles agebant. Et quotiescunque communis esset annus, ternos menses lunares singulis anni temporibus dabant. Cum vero embolismus, hoc est, XIII mensium lunarium annus occurreret, superfluum mensem aestati apponebant, ita ut tunc tres menses simul Lida nomine vocarentur, et ob id annus ille Thri-lidi cognominabatur, habens IV menses aestatis, ternos ut semper temporum caeterorum. Item principaliter annum totum in duo tempora, hyemis, videlicet, et aestatis dispartiebant, sex illos menses quibus longiores noctibus dies sunt aestati tribuendo, sex reliquos hyemi.

 

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