Home Vorderseite (F-Platte) - Die Inschrift: Die Verse vom Wal



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Die automatische Übersetzung ist zwangsläufig ungenau. Diese Übersetzung ersetzt nicht die Lektüre der deutschen oder englischen Original-Texte.

Zuletzt überarbeitet: Juni 2009

Die Verse vom Wal

Auf den ersten Blick ist kein Bezug zwischen der Inschrift und den Bildern der Vorderseite zu entdecken, und nach allgemeiner Ansicht gibt es den auch nicht. Natürlich wäre es kaum möglich, zwei so heterogene Themen wie die 'Anbetung Christi' und 'Wielands Rache' mit einem einzigen Text zu kommentieren. Da aber alle übrigen Inschriften in Verbindung mit den dazugehörigen Darstellungen stehen, sollte der Bezug auf anderer Ebene zu finden sein.

Wir beginnen die Lesung unten auf der linken Leiste, die – wie auf den Platten Romulus und Titus – quasi als Motiv für den nachfolgenden Text zu verstehen ist. Dieser beginnt auf der oberen Leiste (von links nach rechts), führt auf der rechten hinunter und endet schließlich (spiegelverkehrt und von rechts nach links) auf der unteren Leiste. Der Text ist fortlaufend, d.h. die Wörter sind - anders als hier wiedergegeben - nicht voneinander durch Zwischenräume oder Zeichen getrennt. Wenn je ein Punkt hinter fisc und flodu, sowie zwei Punkte in gasric eingefügt sind, so hat das eine andere Bedeutung, wie noch zu zeigen ist.

  hronæs ban
fisc1-Runeflodu1-Runeahof on ferg
enberig
warþ ga2-Runesric grorn þær he on greut giswom

Das Motiv: Walbein (Walknochen) leitet die beiden Stabreimverse ein. Die grammatische Folge Subjekt, Prädikat, Objekt würde zu der Lesung: „der Fisch warf die Flut“ führen; da aber die zweite Langzeile vom gestrandeten Tier berichtet, müssen wir fisc als Objekt auffassen. Damit ist es dem Runenmeister möglich, hier – wie auf allen anderen Platten – mit dem Namen (fisc) und dessen sinngebender Rune ( f-Rune ) zu beginnen.1 Wir lesen also: „Den Fisch warf die Flut …
Der Ort wird mit fergenberig beschrieben. Die Mehrzahl der Übersetzer deutet fergen als Form von firgen, ‚Berg’, was mit berig, (von beorg) gleichbedeutend wäre, ein ‚Berghügel’ also. Aber wie sollte ein Wal auf einen hohen Berg oder auch nur auf einen Hügel geworfen werden? Unwahrscheinlich, zumal es in der zweiten Langzeile heißt …þær he on greut (ae. greot, Sand, Kies) giswom.

Dem gegenüber ist eine Übersetzung, die fergen von feorg, ferh , >Leben, Geist, Seele< identifiziert, wahrscheinlicher. fergenberig könnte so als >Lebensberg, Seelenberg < oder >Himmelsberg< (K. Schneider) verstanden werden, womit sein Tod für eine höhere Bestimmung (gasric, Geistkönig?) gemeint sein könnte.2 Berge galten als Sitz von Gottheiten und Dämonen. In diesem Zusammenhang mag man an diealtnordische Erd- und Fruchtbarkeitsgöttin Fjörgyn denken, eine der Gattinnen Odins. Ihr angelsächsische Name ist nicht überliefert, könnte aber in fergen überlebt haben.3
Wenn diese Seite des Kästchens mit dem Bild der Magier die „nobele Geburt“ thematisiert, dann ist diese Annahme (Lebensberg o.ä.) recht naheliegend, zumal auf der H-Platte (rechts), die den Tod des Helden zum Gegenstand hat, das todbringende Wesen, Herh-os, auf dem hærmbergæ, dem ‚Kummerberg’ sitzt und Unheil wirkt.

Wenn der „Fisch“ in der zweiten Langzeile gasric, genannt wird, dann wäre ‚Geistkönig’ (vgl. gastcyning, >Gott, Seelenkönig<, Gen. 2883) eine stimmige Bezeichnung: a.e. gast, >Atem, Seele, Geist, Dämon<; a.e. rica, >Herrscher<. Die zwei Punktmarken unter der Rune s-Rune in gasric können als u-Rune 'Ur' (Symbol animalischer Kraft) verstanden werden, was sich ebenfalls gut dazu fügen würde. Dieser Name verbindet die Nennung des potenten Materials mit der mächtigen Kreatur. hronæsban ist also keine schlichte Qualitätsgarantie wie 'Reine Wolle' oder 'Echt Plastik'. Auch Knochen 'ist ein ganz besonderer Stoff', denn er ist Träger Lebenskraft und wird somit zum magischen Instrument, das nicht nur Wieland (s.u.) zu gebrauchen weiß, sondern der auch in Form von Reliquien zahllose Kirchenschreine des christlichen Abendlandes füllt. Und so übersetzen wir nun:

Walbein
Den Fisch erhob die Flut auf den Seelenberg
Der Geistkönig ward gram, als es auf das Geröll schwamm."

Wenn hronæsban tatsächlich eine magische Formel ist, dann ist es bemerkenswert, daß sie sich aus 9 Runen zusammensetzt.4 Ihr folgt der Text, der in der oberen linken Ecke (eine bedeutungsvolle Stelle, wie wir sehen werden) mit der f-Rune, f-Rune, einsetzt.

  f-Runeisc1-Runef-Runelodu 1-Runeahof on f-Runeergenberig
warþ g-Runea2-Runesric g-Runerorn þær he on g-Runereut giswom

Dabei handelt es sich um die älteste erhaltene Dichtung in Stabreimform, - zwei Langzeilen mit je drei Stäben, die auf f-Rune und g-Rune alliterieren.

f-Rune ist das Symbol für feoh , Vieh; und das bezeichnet den geldgleichen Besitz wie goldene Ringe, Pokale oder Münzen.
g-Rune steht für gifu, Gabe. Beide Wörter finden sich im ags. Wort feohgift, 'Freigiebigkeit, Großzügigkeit' wieder. Was paßt besser für ein volles Schatzkästchen, aus dem der Krieger sein Gefolge beschenkt und somit ehrt? So heißt es im ags. Runenlied, hier in der neuenglischen Übersetzung:

f-Rune (wealth) is comfort to all men; yet must every man bestow it freely, if he wishes to gain honour in the sight of the Lord.
 
g-Rune (gift) brings credit and honour, which support one's dignity; it furnishes help and subsistence to all broken men who are devoid of anything else.

Der Schmied galt ganz allgemein als Quelle des Reichtums, wenn es wohl auch meist nur die Kriegsbeute war, die er in neue Form goß. Und der Kriegsherr brauchte diese goldenen Güter, um sich die treue Gefolgschaft seiner Mitstreiter zu sichern. Zu diesem Beutegut heißt es bei Pollington (Warrior, p.168):

"... was later redistributed among the warriors and at some point could be lost to a foe. The supply of such goods was constantly replenished by the work of smiths who produced new artefacts ... Nevertheless, the competition for the means of acquiring prestige goods was always present among early chiefs whose own reputation and power depended on these resources."

Und so sieht es auch das Exeter Book, Gnomic Verses ll. 28-9:

  ... cyning sceal on healle beagas dælan ...
... in the hall a king shall bestow rings ...

Wenn dies nun die Schatzkiste unseres Kriegers ist, so konnte der Runenmeister keine besseren Stäbe ritzen.

Aber diese Runen stellen auch den Bezug zum Bild her: Die Magier bringen g-Rune (gifu), also Gaben herbei. Daß sie hier in ihrer Eigenschaft als Zauberpriester angerufen werden (womit materielle Erwartungen verbunden sein dürften), macht das eingefügte mægi, Magier, deutlich. Wieland dagegen fertigt jene goldenen Dinge, die mit f-Rune, (feoh) den materiellen Besitz bezeichnen. Dieser mythische Schmied gilt als Urquell allen Reichtums, was nicht zuletzt im Namensbestandteil wel, (Geschmeide, Wohlstand; vgl. wealth) zum Ausdruck kommt. Wegen der Nähe beider Begriffe, kann man aber auch in Wieland den Schöpfer der Geschenke sehen – hier mit fatalen Folgen – und in den Magiern die Quelle des Reichtums.


1 Wenn hronæsban tatsächlich eine magische Formel ist, dann ist es bemerkenswert, daß sie sich aus 9 Runen zusammensetzt. Ihr folgt der Text, der in der oberen linken Ecke (eine bedeutungsvolle Stelle, wie wir sehen werden) mit der f-Rune, f-Rune, einsetzt.
Alle vier Platten folgen dem gleichen Muster: Motiv in 9 Runen auf der Seitenleiste; Nennung des Namens mit themenbezogener Rune oben links.
F-Platte (links) > Motiv: hronæsban (9 Runen); Name: fisk, thematische Rune: f-Rune
R-Platte (links) > Motiv: oþlæunneg (9 Runen); Name: Romwalus, thematische Rune: r-Rune
T-Platte (hinten) > Motiv: herfegtaþ (9 Runen, Wert); Name: Titus; thematische Rune: t-Rune
H-Platte (rechts) > Motiv (eingeschoben): drigiþswa (9 Runen); Name: Herh-os; thematische Rune: h-Rune
Die 3 Motive der auf das Leben bezogenen Platten (F R T) setzen sich aus 27 Runen mit dem Wert 330 zusammen, das Motiv der auf Tod und Nachleben bezogenen Platte (H) setzt sich aus 9 Runen mit dem Wert 110 zusammen.

2 Ausführlich dazu: Alfred Becker: “Franks Casket. Zu den Bildern und Inschriften des Runenkästchens von Auzon (Regensburg, 1973) S. 17 ff.

3 Wikipedia (de) dazu unter: Jörd (aisl. Jörð "Erde") ist die Ermutter in der Nordische Mythologie.Sie ist durch Odin Mutter des Donnergottes Thor und Tochter der Nott und des Ánarr. Ansonsten spielt sie in der Mythologie keine Rolle mehr, trägt aber mehrere Namen: Fjörgyn, Fold, Grund und Hlóðyn .... Der Name Fjörgyn gehört dagegen zu altenglisch firgen und gotisch fairguni "Gebirge" und weiter zum antiken Namen des deutshen Mittelgebirges (kelt. Hercynia silva, althochdeutsch: Virgunnea). Daneben kennt die nordische Mythologie noch einen männlichen Gott Fjörgynn, der der Vater der Göttin ist. Obwohl dieser Name etymologisch exakt dem Namen des baltischen Donnergottes entspricht, bleibt der Zusammenhang verborgen. Vermutet wird eine wohl unabhängige Entwicklung aus einem alten Wort für (ie. *perkuos, lat. quercus; ahd. fereh-eih).Der Name Fold findet sich auch in der Tradition als „Folde, fira módor“ ("Erde, der Menschen Mutter") in einem alten Flursegen. Wenige Zeilen später wird sie „Erce, Erce, Erce eorþan módor“ (>Erce, Erdenmutter<) genannt.
Bei Richard Wagners Opernzyklus "Der Ring des Nibelungen" heißt die Erdgöttin Erda, sie ist durch Wotan Mutter Brünnhildens und der Nornen, was aber auf der freien Gestaltung der Figur durch Wagner beruht.

4 Vgl. Nine Herbs Charm (Neun Kräuter Segen). Auch bei den Runensummen und Runenwerten spielt die 9 eine wichtige Rolle. Der hier häufig angestrebte Zahlenwert 72 ergibt sich aus 9 x 8.

 

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Quelle: http://www.franks-casket.de Page Top Page Top © 2016 email