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 INDEX:

Merry Weihnachten
Allmonnaie
Der Earlking
Allahtürk
Dengelschling
Wie der „Eiserne Vorhang“ wirklich fiel ...

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  Merry Weihnachten

Vor uns liegt nun der Event,
den man Merry Christmas nennt.
Unsre Youngsters, Girls und Boys,
kriegen jede Menge toys;
Pockemon und Peanut-Kern
haben alle Kids so gern!

Aber auch zu Mum und Dad
ist Old Santa pretty nett;
denn die Gifts aus Peter’s Shop
sind Prime Collection , - einfach top;
From Heaven high, da kommt er her,
und bringt der Goodies mehr und mehr.

Grandma, Grandpa, ach Ihr Alten,
Weihnachten könnt Ihr gern behalten,
X-mas providet globally
Corporate Identity;
Joy to the world, bald ist’s Zeit
again für Silent und für Holy Night.

Oder war da doch was dran,
am Christkind und am Weihnachtsmann?
An den Liedern, die wir einst gesungen:
Es ist ein Ros‘ entsprungen?
Lag still und starr nicht dort der See?
Standst du, oh Tannebaum, nicht grün im Schnee?

Ich sehe heut in meinem Traum,
Euch Eltern dort beim Lichterbaum,
An Ochs und Esel denke ich zurück,
an Kinderaugen voller Glück,
an Worte, die uns eng verbanden,
Als Alt und Jung sich noch verstanden.

Wenn wir daheim schon nicht verstehen,
wie soll’s global dann besser gehen?
Nicht, wenn Ihr fremde Wörter stammelt, -
doch wenn Ihr unterm Wort Euch sammelt,
strahlt in die Welt so weit, so breit,
der Friede dieser Weihnachtszeit.

© Alfred Becker

  Allmonnaie*

(auch Allmoneta, Allmoneda, Allmoney etc.)

Deutschland, Deutschland, zahl’ für alle,
zahl’ für alle in der Welt,
mit der rückgelegten Rente
schaffst du ihnen frisches Geld,
zahlst fürs ‚dolce far niente’
nur damit Europa hält,
zahlst fürs ‚dolce far niente’
nur damit Europa hält.

Von der Wall Street bis zum Dnjepr,
von dem Pol bis Tel Aviv,
geiern schon die dreisten Nepper,
stürzen dich in Schulden tief,
geiern schon die dreisten Nepper,
stürzen dich in Schulden tief.

Deutsche Schuld und deutsche Sühne
sind der Welt ein Unterpfand.
Gib dich hin auf dieser Bühne,
blute, deutsches Vaterland,
gib dich hin auf dieser Bühne,
blute, deutsches Vaterland.

* Der Name der Hymne wurde zur Vermeidung nationaler Emotionen
politisch korrekt romanisiert (Allemagne),
für die Funktion (monnaie) wertorientiert adaptiert
und so - nostra culpa causa - internationalisiert.

© Alfred Becker 2012

  Nachtge(d/s)icht

Denk ich an Deutschland in der Nacht
- So legt euch denn, ihr Brüder,
In Gottes Namen nieder -
So bin ich um den Schlaf gebracht.

Sie streiften heran und fanden mich hier
-Let’s have wine and women, mirth and laughter,
Sermons and soda water the day after -
Und tranken das mühsam geholte Bier .

Doch anstatt durch weise Lehren sich zum Guten zu bekehren,
- so not go gently into that good night,
Rage, rage against the dying of the light -
Oftmals sie darüber lachten und sich heimlich lustig machten.

Also lautet der Beschluß, daß der Mensch was lernen muß:
- The dew shall weep thy fall tonight,
For thou must dy!
Gott sei Dank, nun ist’s vorbei, mit der Übeltäterei!

Quoth the Raven: “Nevermore!”
See you later, Leonore.

AlBe 21.05.02 23:19

  Deutschland
Einst das Land der Väter,
Deines Wesens spotten sie,
Applaudiert vom Volksverräter,
So verkommt, was einst gedieh.

Muttersprache
Du wirst leiser,
Fremde Laute würgen dich,
Und auch ich werd etwas heiser,
Wortlos bin ich ohne dich.

Kirchenglocken
Eure Bronze ist verstummt.
Auf dem Turm der Muezzin,
Unten Fremde, schwarz vermummt –
Gottverzagt die Christen fliehn.

Herrscher,
Dies habt ihr uns vorgegaukelt,
Glück zu mehren für das Land,
Heillos habt ihr uns verschaukelt,
Mit zum Schwur erhobner Hand.

AlBe 2015

Der Earlking

Wer reitet late night durch Wind und Schauer?
Es ist Ol' Dad mit mega viel power!
Er hält sein kid safe im Arm,
"Bleib fit, oh boy, dort ist die Farm!"

"Mein Vater, mein Vater,
Denglisch haucht giftig mich an,
Meiner Sprache wurd' ein Leid getan!"

"Oh boy, was soll dieser joke?
Shut up und trink deine Coke!"

Der kleine Guy wird pink und red,
"My God, das kid ist dead!"

Ol' Dad, er reitet ohne Stop
Zum citynahen Särgeshop.

Auf seinem Weg hört er Erlkönig weh im Winde:
"Sprache, mein Freund, war Mutter Dir im Kinde.
Du erschlugst, was Du glaubtest morsch und alt,
Ermordet hast', was Sinn Dir gab und Halt!"

© Alfred Becker

  Allahtürk

(Das Vaterunser ins Kietzdeutsche übertragen von Alfred Becker)

Vater unser, der du bist im Himmel
Alder, oben bischt du!
Geheiliget werde Dein Name
Kein Scheiß mit dein „wie heißt du?“!
Dein Reich komme
Mach Allahstan komm!
Dein Wille geschehe wie im Himmel also auch auf Erden
Mach, was willst du; mach, wo willst du!
Unser täglich Brot gib uns heute
Mach misch Döner schnell!
Und vergib uns unsere Schuld, wie wir vergeben unseren Schuldigern
Mach du misch nisch Messer, mach isch annere nisch Messer!
Führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen
Mach misch nisch klau, mach misch Kohle!
Denn Dein ist das Reich, die Kraft und die Herrlichkeit
Du bisch Allahstan, Messer un Porsche!
In Ewigkeit
Bis Schluß
Amen
Salam

 

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Rot-Rot-Grünes Herz Thüringen
(Alfred Becker)
Walter Ulbricht, komm herauf,
bau die Mauer wieder auf;
Damit hat die Wende
ihr linksgestricktes Ende.

Kläglich haben Sozis einst geweint,
„Hilfe, man hat uns zwangsvereint“;
Oder schlüpften da Opportunisten,
ins Ehebett mit Kommunisten?

Mit der Wende stürmten Grüne
als Bündnis 90 dann die Bühne;
Nun kopulieren sie mit den Linken,
non olet, - Macht kann doch nicht stinken!

Die Linken bau’n auf Schwarmdemenz,
FDJ und FKK im roten Lenz,
Trabbi und Datscha dort am See,
die gute Zeit mit Honni und der SED.

Nein, die Stasi hat uns nie verhört,
Der IM als Nachbar nicht gestört;
in Bautzen hat keiner je gesessen,
sofern er nicht was ausgefressen.

Ach, hört doch auf mit dem Gejammer,
nach der Flagge mit Zirkel und Hammer,
Mit „Auferstanden aus Ruinen“;
Freiheit, Landsleut’, müsst ihr erst verdienen!

Baust, Walter, Du die Mauer nicht,
bleib in der Hölle, bärtger Wicht;
doch nimm sie mit, die rote Brut,
und siede sie im eignen Sud.

(31.12.14)

 

Für den Arsch
Selbst der dickste Arsch ist nicht alleine,
meist hat er doch zwei stramme Beine,
und auch zwei pralle Backen
zum Sitzen, um zu Kacken.
Das ist nun mal im Leben so,
Zu jedem Arsch paßt auch ein Klo.

  Ode an Olga
(Thera Latex Lady; sag ich mal so)

Oh Mensch, steht Deine Kur an,
geh bloß nicht zu Olga Fuhrmann,
Sie hat ’nen Stock mit einer Schnur dran,
Damit fängt nun die Dressur an!
Und kommt sie recht auf Tour dann,
Ruft sie „Mach, was jeder Bur kann,
Verknotet sei Deine Natur, Mann!“
Gequält starrst Du die Uhr an,
„Wann geht denn bloß die Olga Fuhrmann?“
Du liegst kaputt auf dem Flur dann,
Und träumst: „Zu Hause fängt die Kur an!“
Vorbei kommt Schorse mit der Murmann:
„Kiek mal, ein Fall von Olga Fuhrmann!“

Als Dankbares Opfer Ihres umwerfenden Wirkens
und Gründer des „Olga Fuhrmann Vierfüßler Fan Clubs“
St.oeynhausen, im März 2001;

Patient AlBe

  Für Ellen und Barbara

Hier gewesen,
gut gegessen,
Wein berauscht,
Worten gelauscht,
Freunde daneben,
schön, daß wir leben!

Fortgegangen,
leises Bangen,
werden wir lauschen,
am Wein uns berauschen,
Freunde daneben,
morgen noch leben?

August 2004
Viertelfest mit Achim und Edith

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PROSAISCHES
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Dengelschling

Oder: Kein schöner Land in dieser Zeit

Ein Lied aus alten Zeiten,
ja, das geht mir aus dem Sinn,
kann’s leider nicht behalten,
I ain’t my father’s kin ...

Es war einmal – ein wenig ist es das auch heute noch – ein schönes, stolzes Land. Ja, ein blühendes Land war es. Daran hatten Kriege, Systeme oder Seuchen nichts ändern können. Auch kein Gemetzel, ob es nun sechs, sieben oder dreißig Jahre gedauert hatte. Kein verdammenswertes System, über braune elf oder rote vierzig Jahre Dauer. Keine „Englische Krankheit“, kein Franzosenkraut, keine Vogelgrippe und erst recht keine „Schweinegrippe“.

Dort die alte Burg am alten deutschen Fluss, wie man sie einst rühmte. Ihre Wehrtürme blickten majestätisch über die bestellten Äcker und Weinberge hinweg, schauten auf die groben Tische und kratzigen Strohschütten der Gehöfte des kleinen Weilers und schweiften schließlich hinüber zu den behaglichen Patrizierstuben der alten Hansestadt. Im Schatten der Wehrtürme sannen die Denker, reimten die Dichter, klagten die Sänger, fiedelten die Musikanten. Sie wachten über den Lastenkahn auf dem Strom, über das Fuhrwerk auf der Handelsstraße, über Bürger, Bauer, Magd und Knecht und gewährten den verwünschten Pfeffersäcken Zuflucht in Zeiten der Not.

Solche Zeiten kamen und gingen. Eifernde Ritterheere mit bloßem Schwert und frommen Kreuz auf blankem Schild, brandschatzende Söldnerhorden, bunte Bataillone mit schweren Mörsern und rauchenden Haubitzen, uniformierte Armeen mit berstenden Bomben und splitternden Granaten. Schlimmer, meinte man jedes Mal, könne es nicht kommen. Und zurück blieb stets eine geduckte Burg, die aus ihren leeren Fensterhöhlen in den grauen Himmel starrte. Verrußte Mauern und verkohlte Balken, erschlagen die starren Körper der vergeblich Schutzsuchenden. Und doch, immer wieder ein neuer Morgen, und immer noch steht sie am Strom der Zeit und blickt majestätisch über die Lande. Über den Bahnhof des Kaisers, über das Parlament der Bürger und die Bank der Rothschilds, über die Schulen der Jugend und die Rathäuser der Alten.

Die Glaser arbeiteten eben noch an den geborstenen Fenstern, die Dachdecker warfen einander die roten Ziegel zu, hinauf bis zum spitzen First der hohen Halle, damit und das eichene Gebälk nicht verfaule und die wertvollen Fresken nicht vollends verblassten, - da kommen sie in ihren Hawaiihemden und Jeans, Baseballkappe auf dem Kopf und Kamera um den Hals, Fraulein – wenn nicht darling wife – im Schlepp: “How much is the Burg? Not for sale, you say?! Bullshit! Money buys everything!”

Die Burg war stolz darauf, dass man sie begehrte. Natürlich würde sie den Antrag nicht annehmen. Und natürlich auch nicht die Bürger, die Männer und Frauen mit ihren Kindern, die an schönen Tagen zu ihr heraufkamen. Auch nicht der pensionierte Dorflehrer, Rainer Teutsch, der zunächst die Fremden führte und so schön vom Reichsgrafen Warmund zu erzählen wusste. Auch nicht sein Kollege Wortwalt, Autor des renommierten Werkes „Lexikon der Burgen und Schlösser“.

Aber als Rainer nicht mehr den Berg herauf wandern konnte – ja, die Hüfte –, kam der junge Teutsch, Heinrich Teutsch. „Henry W. Teutsch, Tourist-Guide“ stand auf dem Schildchen an seinem Sweatshirt. Auf dem Rücken prangte das Logo „Authentic Heritage” in weißen Lettern.

Natürlich gab er eine Pressekonferenz zum Einstand, ein briefing, wie er es nannte. Ein Highlight sei das Castle, tönte er, obwohl es ja von unten angestrahlt wurde. Er plane einen Castle Souvenir Shop mit Fast Food Point (All-you-can-eat), ein Outdoor Reading Event im Tower Museum – Easy Literature vom Feinsten –, alles buchbar per Castle Club Chip Card. Ferner solle ein Fund Raising gestartet werden, und als „Thank you“ dann ein Castle Candlelight Dinner für die Sponsoren. Von der Burg und ihrer Geschichte schwieg er. Und auch von Warmund – das hätte die alte Burg verstanden – erzählte er nichts. Aber dies?
Ob sein Vater dabei sein werde, fragte ihn ein Reporter. „Mein Dad? For Heaven’s sake! Der nicht. No way! Die Hüfte, you know.“

Mit Henry’s Guided Tours hatte es begonnen. Zunächst hatte niemand auf die kleinen, giftgrünen Schlingpflanzen geachtet, die sich an der Burg hochrankten. Erst als kräftige Winden den Turm umschlangen und ihre tastenden Tentakel sich in den morschen Mörtel der alten, feuchten Fugen bohrten, als die sternförmigen Blüten aufbrachen, rot-weiß-blaue Blüten, da wurde Henry W. Teutsch, International Tourist-Guide, auf sie aufmerksam. „Hey Folks“, rief er, „das ist doch smashing!“ ... und er sollte Recht behalten.

Henry W. Teutsch hieß eigentlich Heinrich Wilhelm, ein ganz unmöglicher Name für einen International Tourist Guide! „Nennt mich einfach H.W.“, bat er seine Freunde, und die riefen etwas, das wie „Ätsch Dabbelju“ klang. Der erhoffte Strom internationaler Touristen – Amerikaner, Japaner, Chinesen und Eskimos – blieb trotz all der Globalität nur ein Rinnsal, nichts im Vergleich zu Rainers Zeiten, wo die Amis noch ihre Ruinen bestaunen konnte: „We did a pretty good job, didn’t we?“

Aber die Bürgerinnen und Bürger des Landkreises bewunderten ihn, den Ätsch Dabbelju. Das fühlte er. Er hatte eben Sexappeal, fanden die Frauen; ein Power-player, meinten die Männer. Und Henry W. war es, der als erster einen Zweig der geilen Burgranke ins Tal brachte, wo er sie beim Elterhaus – jetzt profitables ‚Holiday Wellness Center’ mit einem geräumigen Penthouse Bachelor Apartment für ihn, Ätsch Dabbelju, – in den heimischen Boden bohrte. Der schlanke Steckling wurzelte schnell, schoß giftgrün auf, überwucherte den altehr¬würdigen Namen Teutsch nebst dem Familienwappen, und schon im nächsten Frühjahr färbten die Sternblüten die schmucke Fassade des Elternhauses rot-weiß-blau. Die Leute aus dem Ort kamen und staunten, zwackten schlanke Ableger ab und schmückten die stolzen Giebelseiten ihrer Wohnhäuser. Die Leute waren begeistert. “Just smashing!“ wie Henry W. Teutsch sagen würde.

Einige Alte betrachteten die rot-weiß-blauen Häuserzeilen und schüttelten den Kopf. Es war Wortwalt, Rainers früherer Kollege, emeritierter Rechenlehrer und Hobbybiologe, Verfasser des Burgenlexikons, der warnend die Stimme erhob. In einem langen Aufsatz, den keine Zeitschrift zum Druck annehmen wollte, führte er aus, dass es sich um die Wucherpflanze Dengelschling handele, und zwar in einer extrem wucherfreudigen Unterart, ihr botanischer Name (bot. lat.) Germanglia vulgaris, aus der Familie (bot. lat.) Amisma multiflora periculosa. Diese Pflanze, meinte Wortwalt zu wissen, überwuchere alles, töte die heimische Vegetation nicht nur durch Unterdrückung, sondern mehr noch durch Vermischung, wobei sich Dengelschling stets als die dominante Art erweisen werde. So könne sich die Germananglia vulgaris beispielsweise mit jedem gemeinen norddeutschen Grünkohl, mit jedem Münchner Radi und mit jeder Berliner Knallerbse kreuzen, wobei nach zwei oder drei Generationen ein Quantensprung erfolge, zurück zur transatlantischen Mutterpflanze, der Amisma multiflora, in ihrer strukturell genetisch bedingten, ambivalenten Transformation einer omni-resistenten Amisma globalae. Besonders gefährlich seien ihre halbreifen BSE-haltigen Früchte. Sie enthielten höchst suchtererregendes Basic Simple English.

Hier mischte Albe sich ein, Schulmeister und welterfahren. Ja, er habe von der Droge gehört. Sie werde unter dem Namen Cultikill gehandelt, werde in irgendwelchen Bananenstaaten des United Foods hergestellt und führe bei Dauerkonsum zum progredienten Hirntod. Da aber wenige an ein immanentes Hirn glaubten, besuchten sie weiterhin unbesorgt Papst Leo in der Kirch und dann im Sky-Himmel, wiederkäuten Unverdautes und buchten – better safe than sorry – Holiday in Alzheim , all inclusive, nebst Peacebox Voucher für den „dead but happy case“.

Wortwalt wurde zum beliebten Gesprächspartner in Botanikerkreisen. Ein schrulliger Alter, dessen verknöcherte Ansichten man mit der Bemerkung abtat, die Pflanzenwelt habe sich ständig verändert, man denke nur an das Franzosenkraut, das heute keine Rolle mehr spiele. Wortwalts Bemerkung, dass dies das Resultat des unverzagten Zupfens zahlloser örtlicher Kleingärtner der „Fruchtbringenden Gesellschaft“ sei, überhörte man geflissentlich. Learning by doing! Klar doch. Man würde Wortwalt wieder einladen, ein ’Botanisches Quartett’ installieren, man werde das Pflanzenwachstum beobachten (OPGRO = Operation Plant Growth) und wissenschaftlich begleiten, Entartungen aber mittels BRP (Back to the Roots Program) bei der Wurzel packen. Gegebenenfalls sollten Anglicide eingesetzt werden, meinten Wortwalt und seine Jünger. Doch die Botaniker widersprachen: „Nein, Kollege Wortwalt, das muß die Pflanzenwelt schon selber regeln. Sie sehen doch an Kasus und Flexion, dass sich Dengelschling an die endemische Flora anpasst!“ Dass dies aber, wie Wortwalt argwöhnte, Folge einer genmanipulatorischen Intervention sein könne, wiesen die Pflanzenkundler als übelste Form der Diskriminierung eines Gewächses mit Migrations¬hintergrund empört zurück.

Inzwischen hatten nicht nur die örtlichen Geschäfte, die sich nun Shops nannten – der Touristen wegen, so die gelegentliche Entschuldigung –, sondern auch die Bahnhöfe, Banken und Versicherungen Dengelschling mittels Kletterhilfen an ihren blanken Marmorfassaden empor ranken lassen. In ihren Service Points standen kleine Vasen mit Denglischkraut und Dengelstengeln auf jedem Counter, auf jedem Desk, jene Selbstkreuzungen, vor denen Wortwalt so eindringlich gewarnt hatte.

Andere – so auch der politisch stets unkorrekte Schulmeister Albe – malten noch furchtbarere Menetekel an die Wand. Selbst die aufrechten Bürger von einst, nun gestandene Weltbürger, seien nun auf dem Wege nach McWorld. Ja, McWorld, das sei die Import-Export Group, Ltd. für Amisma multiflora-products. Dabei würden sie, die Bürger, immer flacher. Kein Bürger mehr, sondern Burger mit teigigem Äußeren und klopsigen Innenleben. Fettig. Stapelbar. In Eigenheimen aus Styropor – eines wie das andere. One way Behausungen. Und statt der Würstchen von einst (Brat-, Weiß-, Rost- oder Ross-, Wiener-, Frankfurter- oder Nürnberger-, Braunschweiger-, Bremer-, Thüringer- oder Krainer-Würstchen, um nur einige zu nennen) würden dem Angebot an Burgern nun zwei Sorten uniformer Hot Dogs beigesellt, die in global-grauem Wrapper (eine Art Zeitungspapier) verpackten als „Under-Hot-Dogs“ und die im rot-weiß-blauen Cover als „Top-Hot-Dogs“, letztere original aus McWorld’s Own Country. Nicht einmal seinen eigenen Senf werde man in Zukunft dazugeben dürfen. Am Ende sei eine Mustard-Bastard Einheitssoße der Marken Holly&Wood und Monsainto verbindlich vorge¬schrieben.

Es werde viel Ketchup fließen, meinte der alte Schulmeister. Ja, sehr viel Ketchup!
„Miesmacher, Nörgler, Nazi!“ hielt man ihm und anderen Bedenkenträgern entgegen, eine Keule, die jeden Kritiker erschlägt. Alles werde sich schön demokratisch entwickeln. Aus dem überholten „Pott un’ Pann“ werde - dank McWorld - „Food an’ Fun“. Dazu gebe es als Softdrink „Coke an’ Joke“. In der ‚Fun Society’ brauche keiner mehr etwas selber zu machen. „Ja, eine Spaß-Fraß-Gesellschaft, über die schließlich ein Burger King regiert!“, wetterte Albe. Und es sollte nicht lange dauern bis zu Burger Kings Inthronisation, von der die bunten Wappenschilder auf kirchturmhohen, Dengelschling berankten Masten kündeten. Und aus den Lautsprechern darunter dröhnte die Burger King’s global hymn: „Power to the Whopper!
”Don’t worry, be happy.”
„Wow! Wow! Whopper!“

Bei happy dachten viele an das ‚Happi’ ihrer Kindheit, an Häppchen also. Und so verkehrt war das nun auch wieder nicht. McWorld sei Dank.
„Wow! Wow! Whopper!“

Whopper und Dengelschling gehören einfach zusammen. Ohne Dengelschling kein Whopper Feeling! Ohne Feeling kein Fun. Ohne Fun nichts auf der Pfanne. Und schon gar nichts drin.
„Dengelschling für alle!“, forderten die Gewerkschaften.
„Dengelschling als Pflichtfach an Baumschulen!“, forderten die Lehrerverbände.
„Dengelschling als Uferbepflanzung für den Mainstream!“, forderte der Integrations¬beauftragte.

„Home & Garden“, das Lifestyle Magazin für den eigenen Garden Plot (‚Kleingarten’ hieß das bei den Eltern) gab ausführliche Kulturanweisungen. Und bald schon bildete man einen Verein, den „Dengelschling Fan Club“, kurz DFC, der das Journal als Vereinszeitung – sorry, ‚Club Mag’ sagen sie – nutzte. Seinen Mitgliedern, den „Fun-Fans für freshes Feeling“, stand das Bad im Mainstream offen, - nur ihnen. Exclusively!

Da war zwar der alte Bach – im Volksmund scherzhaft der „Johann-Sebastian“ – doch der plätscherte nur noch leise. Böse Zungen unkten, McWorld habe ihn mit Rock und Rolling Stones verstopft, um illegales Bewässern unerwünschter Kulturpflanzen zu verhindern. Aber es gab sie noch, die heimlichen Borne, um anderes Gewächs als die Amisma multiflora zu tränken. So den Lindenbaum beim Brunnen vor dem Tore zum Beispiel. Oder das Heideröslein und den blau blühenden Enzian. Aber auch die Tulpen aus Amsterdam und die weißen Rosen aus Athen.

McWorld’s Antwort war das Musikill, ein Nervengift, das mit seiner geschmacks-verändernden Wirkung sogar den „Burgchor“ zu den „Castel Quire Singers“ und den „Warmund-Kirchen¬chor“ zu den „Vocal Gospel Swingers“ mutieren ließ, während sich die „Liedertafel“ auflöste und als grauer Schaum vom Mainstream weggespült wurde. Beide, Singers und Swingers, wollten nun, unterstützt von den Cheer Leaders (hervorgegangen aus der früheren Volkstanzgruppe) liebevoll einen eigenen Wagen, ein parade float, für die kommende Love Parade gestalten, großzügig gesponsert vom Burger King. Als gemeinsame Hymne wählten sie: “Where have all the flowers gone“, wobei ihnen die traurige Realität des Liedes gar nicht bewusst wurde. Bei dem „When will they ever learn?“ klatschten Albe und Wortwalt laut Beifall, und die Leute schüttelten den Kopf. „Cranky ol’ men“, spottete Ätsch Dabbelju.

Zu der Zeit erhielten einige verdiente Bürger des Ortes verdächtige Briefe, unter anderem der Bibliothekar Lessing, der Geheime Oberrat Goethe und ein gewisser Medicus Schiller, ferner die Nachfahren des beliebten Landesherrn, des Burggrafen Warmund. Beim Öffnen rieselte ein grünliches Pulver aus den Kuverts, das den Empfängern in die Nase stieg und sie zum spontanen Erbrechen reizte. Es warf sie auf den Diwan, west-östlich den einen, nord-südlich den anderen. Ja, es war ein Mordanschlag mittels BSE! „Bad Simple English“, ein Substrat, das man aus Dengelschling gewinnt. Albe, der sich aus Ab-Neigung mit linguistischen Substraten befasst hatte, definierte den Stoff als Mittel zum kontakt-induzierten Wandel der Muttersprache durch migrierende Phoneme, Lexeme und Morpheme.

Gut, die Betroffenen überlebten mit Müh und Not, wurden aber irgendwie sonderbar. Man sprach von ihnen – wenn man überhaupt noch von ihnen sprach – mit einem spöttischen Unterton:
„Lessing? - Who is that? Der ist ein loser!“
„Goethe? Der hatte was mit der Stein. Total out!“
„Schiller? Ein nobody!“
Der tote Burggraf allerdings erlebte nach vielen hundert Jahren nun seine Auferstehung, die allerdings als „Earl-Burger“, ein Burger Special mit französischem Blauschimmelkäse. Noblesse oblige. Auf Wunsch mit Ketchup.

Wortwalt vertrat die Ansicht, das Attentat gehe auf das Konto von McWorld, während Albe die Übeltäter unter den Lehrern wähnte. Vermutlich die Germanisten. Wenn die Jungs schon die klassischen Werke nicht kennen, geschweige denn verstehen, dann weg mit deren Verfassern. Bücheverbrennung? Nein, danke! Das wäre ja Nazi. Aber der reaktionäre Müll gehöre in die Tonne! Das sei ökologisch korrektes, biodynamisches Recycling.

Ach ja, die Opfer, Goethe und so? Nun, man verbrachte die betroffenen Honoratioren in das Sanatorium ‚St. Alzheim’ und vergaß sie dort schlicht und einfach. Computerfehler.

Es geschah an einem Spätsommertag, frühmorgens, als Ätsch Dabbelju sein Penthouse-Apartment verlassen wollte. Er vernahm ein leises Knirschen, Risse taten sich auf. Fahle Luftwurzeln bohrten Löcher durch die auf Hochglanz gelackte, perlweiße Decke. Carfinish, sauteuer! Die Wände, Ytong, wurden eingeschnürt, nach innen gedrückt. Ziegel stürzten herab, gefolgt von Balken, getoppt von dem Storchennest aus Genuine Plastic©. Ganz zum Schluß, denn sie war auf dem Türmchen des Penthouse-Apartments verankert, breitete sich eine rotweißblaue Fahne über den Trümmerhaufen. „Wow, ich bin dead!“ staunte Henry W. Teutsch und ergab sich in seine traurige Lage. „Shit happens!“ Er schaute sich um. Unter sich der Laminatboden, über sich die Bruchstücke der hand¬gesprayten Deckenverblendung, Lack, perlweiß, Hochglanz. Balken und Ziegel darüber. Vielleicht 15 Zentimeter Raum zwischen Deckenbruch und Laminat.
„OK, Ich bin tot! Such is life! Aber...“

Er spürte einen Niesreiz. Kalkstaub rieselte durch den Hochglanzbruch direkt in sein linkes Nasenloch. „Tote müssen doch nicht niesen?!“ wunderte er sich und nieste. Nein, er war nicht tot, davon hatte er sich überzeugt. Er war flach geworden, ein zuckender Flachburger, der ohne größere Probleme durch den Trümmerberg der Wohnung und über die verschüttete Treppe hinab flutschen konnte, hin zur geborstenen Haustür, und durch den Briefschlitz hinaus ins Freie. Vom schuttübersäten Vorgarten aus sah er die Bescherung. Die kräftige Dengelschling¬winde hatte sein Elternhaus erdrückt. Einfach so. Er ballte sich vor Wut zur Boulette: „So wahr ich Heinrich heiße …“ schwor er. Weiter kam er nicht. Und wer war er eigentlich? Henry, d.h. Ätsch Dabbelju, wie ihn heute alle wunschgemäß nannten? Oder Heinrich, wie schon Opa und der Ur-Ur-Opa hießen? Jetzt unter Efeu.

Von seinem Platz auf der Zuwegung seines Elterhauses, konnte man auf den Ort hinab blicken.Von dorther kam nun das krachende Geräusch berstender Mauern und abstürzender Dächer. „Slow motion!“ staunte Teutsch jr., als er den Kirchturm langsam in sich zusammen¬sinken sah. Er konnte beobachten, wie sich die Dengelschling¬winden ein paar Meter über dem Boden zu einem gewundenen Seil verbanden, das sich zusammenzog und die grauen Wände in halber Höhe nach innen drückte, er sah, wie sich die Mauerkrone zum Trichter formte, ein großes Maul, das die Kuppel verschluckte und durch diesen gewaltigen Happen barst, ja explodierte. Der goldene Wetterhahn auf der kupfergrünen Turmspitze versuchte ungläubig, seine angestammte Höhe zu behaupten, krähte einen finalen Protest in den smogverhangenen Himmel und versank als letzter in der aufstiebenden Staubwolke.

Wenig später erlebten die örtlichen Banken und Versicherungen ihren Crash, verursacht von den kleinen Dengelgewächsen in den Blumentöpfen, die ‚Goldman & Friends’ verteilt hatte – ein Crash, auf den die Wall Street mit einem dramatischen Kursanstieg reagierte. Tokio und Frankfurt zogen nach. Big Bang am Stock Market, der Bulle war losgelassen, der Bär war verstummt. London und Paris verhielten sich zunächst abwartend. You never know! Euro und Dollar liegen gleichauf. Das stimmt die Anleger positiv. Ja, aber was bedeutet das, wenn beide im freien Fall nur der Schwerkraft gehorchen, so wie der Wetterhahn auf der Kirchturmspitze? Hätte der wohl geglaubt, er falle nicht, nur weil er ebenso schnell oder langsam fiel wie die blau-weiß-rote Fahnenstange, die mit der Dachkrone des Rathauses in die Tiefe stürzte? Nein, so dumm sind Hähne nicht. Selbst die Wetter- und die Wasserhähne nicht!

Dass die Schule zusammenbrach und ganze Klassen, Schüler und Schülerinnen nebst Lehrern und Lehrerinnen und dem zwecks Visitation anwesenden Oberschulrat zu normierten Flachburgern presste (BurgerInnen gibt es nun mal nicht), ja davon nahm die Börse keine Notiz. Genaugenommen war es ja ein Gewinn. Zwar waren alle dengelbewachsenen Bauten zusammengestürzt, aber die nun Obdachlosen passten problemlos in Burger King’s ‚One-Way-Styrofoam Box’. Und Burger King hatte 1.000.000 hübsche Schachteln bereitgestellt. Modell Uncle Tom’s Cabin. Man brauchte nur die Buns und Pattys herauszunehmen und die Dressingreste aufzuwischen, und schon war Wohnraum geschaffen. Home! Sweet home! Und das zu wahrhaft annehmbaren Preisen. Aber nicht alle waren bereit, in diese Notunterkünfte zu ziehen, obwohl sie ihr Leben lang „Equallity Now“ gefordert hatten. Und weil sie damit großen Eindruck auf die Flatburger gemacht hatten, stellte man ihnen – oder vielleicht auch sie sich selbst – die ‚Super Size King Box’ zur Verfügung.

Albe, der – ebenso wie Wortwalt – Haus und Garten dengelfrei gehalten hatte, war von der Katastrophe verschont geblieben. Aber war dies noch seine Stadt? War das seine Heimat, wo alles von Dengelschling erdrückt zu werden drohte? Wo die Schwarzäugige Susanne und selbst der spröde Rotdorn und der wuchernde Goldregen unter blauen, weißen und roten Sternblüten verschwanden –, mochte er dort noch leben? Auswandern?
„Keine Lösung“, befand Wortwalt. „Wir müssen dem Problem begegnen, indem wir unsere Flora verteidigen, wenn es auch hoffnungslos scheint. McWorld ist überall. Also müssen wir überall kämpfen!“
„Aussichtslos. Aber ich halte meinen Garten frei, so wie du. Vielleicht ist unser Vorbild ansteckend“, meinte der Schulmeister. Aber er konnte daran nicht so recht glauben.

Am Abend dieses denkwürdigen Tages brach sie zusammen, sie, die als letzte standgehalten hatte, Warmunds alte Burg. Nein, kein großes Getöse. Zunächst fiel die Zugbrücke. Dann wankten die ehrwürdigen Hallen. Ein Bröseln und Bersten. Ein leises Ächzen der Balken, als sie sich bogen, ein Stöhnen, als sie brachen, ein Seufzen, als sie am Boden lagen. Zuletzt die Wehrtürme. Ein Schutthaufen aus über 1000 Jahre Geschichte. Der Schweiß ungezählter Leibeigener, die Planung unbekannter Baumeister, die heroische Abwehr ungezählter Verteidiger, die liebevolle Zuneigung längst verblichener Burgfrauen zu ihren Kindern. Und zu dem Minnesang fahrender Sänger, wenn die Ritter in die Schlacht gezogen waren. Die Traktate des Junkers Jörg, der hier sein Tintenfass gegen den Teufel geschmissen hatte. Die Fahne, mit der junge Studenten in den Krieg ‚fürs einig Vaterland’ gezogen waren. Über all das schloss sich das giftige Grün der schlanken Amisma mit ihren rot -weiß-blauen Sternblüten. Die biegsamen Äste des Dengelschlings waren den stürzenden Steinen gefolgt, hatten über den Trümmern zueinander gefunden, begruben die Vergangenheit. Endlich ein Ende. Nichts mehr hinderte den freien Burger-look auf McWorld, keine Häuser oder Paläste, keine Kirchen, keine Burgen. Und schon gar keine Heroen der lokalen Geschichte! Wenn sich einmal die Staubwolken verzogen haben, ist da … einfach nichts. Nur weiße Styrofoam Boxes mit dem ‚Burger King Logo’. Freier Blick von der sieglosen Siegessäule bis zum unfreien Befreiungsstatue.

„Ground zero!“ ging es ihm durch den Sinn. Albe hockte auf einer der alten Haubitzen, ein schweres Rohr aus Eisenguß, mit dem man einst einmal die ‚theure’ Heimat verteidigt hatte. Später ließ man eine Kanonenkugel in der Mündung festschweißen, damit keiner auf den dummen Gedanken käme, solchen Unsinn auch nochmals zu unternehmen. Weltoffen wollte es sein, Wermunds Volk. Weltbesoffen war es geworden, McWorld’s Burger. Albe kramte den alten Weltempfänger aus seinem Rucksack hervor. Er hatte ihn lange nicht eingeschaltet, weil man auf allen Wellen ohnehin nur das gleiche hörte. Aber da war noch der Kurzwellen¬sender einer kleinen deutschen Urwaldsiedlung am oberen Amazonas. Quietschend, pfeifend und brummend meldete sich die Station. Den Wortfetzen war zu entnehmen, dass die Siedlung Blumenort der Rinderfarm einer Fastfood Kette weichen solle. King Burger. Man erwäge die Rückwanderung nach Deutschland. Dann spielten sie „Kein schöner Land in dieser Zeit, als hier das unsre weit und brei..ei..t, wo ...“ Bei „breit“ versagten die Batterien. „Weit und breit, das kommt hin. Und flach, sehr flach!“ Der alte Schulmeister rutschte vom Kanonenrohr, als Wortwalt herankam. Sie gingen zurück dorthin, wo einmal die Stadt gestanden hatte.

Wortwalt und Albe stolperten über die verschütteten Straßen hin zum Marktplatz. Vielleicht brauchte man jetzt Hilfe, - gebraucht hätte man sie schon lange, klar. Aber vielleicht würde man sie jetzt endlich annehmen. Vielleicht? Aber nein. Die Burger hatten sich der neuen Situation freudig angepaßt, Burgers adjusted. Viele Flachburger hatten die sauberen Burgerpacks bezogen, Single und Family Flat Packs, bunt bedruckt mit den Sternblüten der Amisma. Andere waren in ihre zusammengebrochenen Häuser gekrochen und fanden diesen neuen Bungalowstil viel praktischer als die viel zu hohen Zimmer an einem viel zu hohen Treppenhaus. Und die Top Dogs hatten endlich ihre ‚Super Size King Box’ beziehen können.

Die beiden Alten, Albe und Wortwalt, waren zum Elternhaus des Henry W. Teutsch hinaufgestiegen, um nach dem alten Rainer zu schauen. Aber zu schauen gab es nichts mehr. Im Fortgehen trat Wortwalt auf einen Flachburger. Der quietschte leise „Ätsch Juuuuu.“ Der teigige Laib war plattgetreten, an den Rändern quoll matschiges Hackfleisch heraus, Ketchup sickerte darunter hervor, blutrot. Henry W. Teutsch lag im Rinnstein. Später sollten seine Freunde kommen, um ihm – wenn sie ihn nicht fanden, was abzusehen war – mit einem „Don’t worry, be happy!“ ein letztes Fare Well zu bereiten. „Wow! Wow! Whopper!“
„Be Happie!“ krächzten die Krähen und äugten aus dem Gewirr der Dengelschlingzweige hinab aufs leckere Häppchen, das da unten für sie lag.

„Es war kein Zufall, dass ausgerechnet du ihn breitgetreten hast!“ meinte Albe.
Aber Wortwalt zuckte mit den Schultern: „Statistisch gesehen haben alle Senkrechtbürger die gleiche Möglichkeit, auf einen Flachburger zu treten.“
„Solange es noch Bürger gibt. Senkrechte, meine ich.“
„Statistisch gesehen dürfte es keine senkrechten Bürger mehr geben, “ erwiderte Wortwalt.
„Nun, “ meinte der Schulmeister, „dann wäre dies also ein Burgersteig. Gehen wir lieber auf der Straße weiter.

Die beiden stolperten über Stock und Stein, Balken und Ziegel, hin zur Innenstadt. Ein geknickter Wegweiser, City Center, wies in die Richtung, wo früher das Rathaus gestanden hatte. Sie schritten über abgebrochenes Dengelschlinggeäst und Amismawurzeln, die bereits neu austrieben. Dabei machten sie einen Bogen um die zahllosen Schattengestalten der ‚Auf-der-Strecke-Gebliebenen’. Nein, es gab weder Höhen noch Tiefen, alles war gleich. Dem Erdboden gleich. Glob-egal, wie es schien.
„Ich hoffe, dies ist ein schlechter Traum!“, stöhnte Albe.
“The American Dream, mein Freund“, erwiderte Wortwalt.
„Mein Gott!“ stöhnte Albe. „The new frontier, das sind wir!“
„Not far from home“, grinste Wortwalt. „Auf gut deutsch: Ziemlich genau das!“

Drüben, aus einer Ruine quäkte ein vergessenes Radio. Ein Weckerradio! Sie spielten etwas von Bach. Dann eine Sprecherin:
„Sie hörten die Kantate ‚Aus der Tiefe rufe ich, HERR, zu Dir’, Bachwerkeverzeichnis 131. Und nun heißen wir Sie willkommen zur Sendung ‚Ground Zero Germany’. Nach den tragischen Ereignissen der letzten Tage bringen wir nun einen Beitrag zur Rekultivierung unseres heimischen Biotops und geben Fingerzeige zur Nachzucht vergessener endemischer Gewächse. Wir beginnen die Reihe mit dem Johanniskraut (Hypericum perforatum), das wegen seines Gehalts an MAO-hemmendem Hypericin stimmungaufhellende Wirkung hat, was in dieser Zeit wohl bitter notwendig ist. Es ist eine ausdauernde Pflanze, die viel Sonne liebt. Wegen dieser Eigenschaften sollte es weitflächig angebaut werden. Die üppig wachsenden Pflanzen brauchen einen Abstand von ca. 30cm… sandigen Boden … Bezug über die Samenbank …“

Wortwalt räusperte sich und schniefte, mehr brachte er, der „Talkshow Star“, nicht heraus.
„Ich fasse es nicht!“ murmelte Albe und vermied es, Wortwalt anzublicken. Irgendetwas war ihm ins Auge geflogen.

Preisgekrönte Kurzgeschichte, Landschreiber 2014
"Mit Sprache über Sprache".
Beiträge zum Landschreiber-Wettbewerb Leipzig,
hg. von Klaus Siewert und Jochen P. Becker, 490 S.,
gebunden, 2013, ISBN: 978-3-939211-60-0

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Wie der „Eiserne Vorhang“ wirklich fiel ...
(Alfred Becker)

Angeblich war es der ungarische Außenminister Gyula Horn, der den „Eisernen Vorhang“ knackte, angeblich war es Günter Schabowski, Mitglied des ZK der SED, angeblich waren es die Mauerspechte. Was die Weltgeschichte bis heute verkennt, ist die Tatsache, dass es ein Bremer war, der mit Hilfe seiner besseren Hälfte den Durchbruch schaffte, der Deutschland wiedervereinigte und die DDR-Potentaten Erich und Emil zwecks Umerziehung in die LPG (Laubreiche Private Gartenanlage) überstellte.
Was war geschehen? Der Bremer und seine Frau waren Dezember ’89 – Krenz war gerade zurückgetreten – über Würzburg nach Salzburg gefahren, um dort mit Ski-Freunden die Hütte mit dem besten Jagertee ausfindig zu machen. Die Suche war erfolgreich und der brave Schulmeister trat am 5. Januar 1990 wegen des bevorstehenden Ferienende die Heimreise an. Auf Bitten seiner in Eisfeld/Thüringen geborenen Partnerin nutzte er die neue Möglichkeit, den Rückweg über die nun grenzoffene DDR zu nehmen.
Die Heimfahrt führte das Paar bis nach Barendorf in der Nähe von Boltenhagen, wo sie mangels Kartenmaterials mit ihrem VW-Bus auf einen gerade verlassenen Patrouillenweg der NVA gerieten. Neben dem Weg aus Lochbeton zog sich der minen¬schwangere Todesstreifen hin, dahinter ein Zaun, Schweißgitter aus verzinktem Stahl. Dieses BRD-Produkt bildete den antifaschistischen Schutzwall, der die Arbeiter und Bauern der DDR vor der Invasion kapitalistischer Alt- und Neonazis schützen sollte. Bemerkenswerter weise ließen sich die Matten aber nur von außen her (von Westen) abschrauben, gegen innen (Osten) waren sie gesichert, um die so Beschützten – irregeleitet von den Springer-Medien – vor Ausbruch (statt Einbruch) zu bewahren.
Ungeachtet möglicher Tretminen wagten sich die Durchreisenden an den Zaun heran, nutzten eine unvollendete Öffnung, um die erste Matte abzubauen und dann die darunter, womit der Durchbruch, durch den etwas später die Massen in Richtung Begrüßungsgeld und Aldi strömen würden, geschafft war.
Die Matten aber reisten ohne Genehmigung der Treuhand nach Bremen, wo sie als „Erich“ und „Egon“ identifiziert werden konnten. Angesichts der Schwere ihrer Verbrechen (Freiheitsberaubung von 17 Millionen Menschen über 40 Jahre) wurden sie zu lebenslangem Arbeitslager verurteilt, das sie in der landwirtschaftlichen Produktion (LPG) ableisten sollten. Dort sind sie nun seit nun 25 Jahren unter Aufsicht der Bremer kompostierend tätig. Eine Aussetzung des Strafvollzuges ist nicht beabsichtigt.

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Coronalensien Alfred Becker (2020)

In diesen Zeiten, wo trotz ununterbrochener Aufklärung die global akzeptierte Corona-Lehre hinterfragt wird, gilt es nun, das System auf eine solide Basis zu stellen. Wir sprechen hier von der Implantation einer „Coronarchie“, deren royaler Anspruch legitim im Begriff (lat. corona, Krone) enthalten ist. Unter der „Regina Coronae“ (Leitspruch: „Nos creamus!“ d.h. „Wir ‚er‘schaffen das!“) fungiert die Coronarchelite von Presse, Funk und Fernsehen. Aufgabe dieser Elite ist es, durch Aufklärung das Abgleiten in eine Coronatur zu verhindern.
Verschwörungstheoretikerinnen und Verschwörungstheoretiker deuten dies als Coro-natur, und wittern dahinter eine fundamental-ökologische, neue Weltordnung, die von Greta T.-nahen Kreisen angestrebt wird. Andere vermuten eine neue Droge, Coronat-Ur, die in Wuhan (China) im Auftrag einer gewissen Melinda Gates (USA) entwickelt worden sei, um den Kurs der von ihrem Ehemann Bill gehaltenen Coronaktien zu steigern.
Religiöse Sektiererinnen und Sektierer ziehen predigend durch die Lande, um den auferstandenen Coronatus und das jüngste Gerücht zu verkünden, das sich in der Welt als Santa Pandemia offenbare, während links-orthodoxe Politiker den Coronismus als Heilslehre für die Werktätigen verkünden und Andersdenkende als coronophob brandmarken.
Aber auch die Schüler des August-Grippe-Coronasiums wollen die wahre Corona-Lehre auf ihre Weise verteidigen, indem sie die Gründung der Schülerverbindung „Cor Ona“ beschlossen haben. Zu ihrer Hymne erhoben sie das bekannte Lied: „Coronika, der Keim ist da / Virologen singen tralala / die ganze Welt ist wie verhext / Coronika, das Virus wächst!“
Für das erste nachmittägliche Cor-Treffen wollen die Mitschülerinnen Cocos-Corönchen backen.

Jene populistischen Strömungen passen aber nicht in das Weltbild der Regina Coronae. Laut Corocabinettsverlautbarung keimt ein neuer Anticoronismus auf, was die Etablierung etlicher Planstellen für Anti-Anticoronismus-Beauftragte erfordere. Daneben sollen informelle Mitarbeiter der Coronasi die öffentliche Meinung überwachen und jene vor das Coronal bringen, die enttarnt worden sind; enttarnt als Coronadioten oder Covidioten, ergo als CoroNazis.

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Quo Vadis: Die Vorgeschichte

Ich erinnere mich an eine Lehrerfortbildung auf Norderney (nach 1990), bei der es um „Moderne religiöse Kunst“ ging. Die Insel ist ein verlockendes Ziel, aber das Thema? Na, schau’n wir mal. Joseph Beuys, Filz und Fett, Metall und Hasenpfote, Blut und Knochen. Die Kunst des Kündens. Selbstverliebt, am Fensterkreuz gekreuzigt. Das Kreuz als Festlegung des Schicksals, als Kreuzung der Kraftfelder, Mann und Frau, der unteren und der kosmischen Welt … Beuys, der Schamane, Wahrer unseres kulturellen Erbes; mittels Filz und Fett, Metall und Hasenpfote, Blut und Knochen. Alfred Hrdlicka, der selbsternannte Ultrastalinist, bekennender Atheist. Sein an Leonardo angelehntes Abendmahlsbild „Santa Maria delle Grazie - Leonardos Abendmahl, restauriert von Pier“ entartet – Pardon, politisch korrekter: … gerät zur Sex-Orgie homophiler und onanierender Jünger. „Hinreißend“, meinen die Birkenstock-Jüngerinnen, „einfach umwerfend!“ Wunschdenken? Martin Kippenberger schuf die Skulptur eines gekreuzigten Frosches mit herausgestreckter Zunge und Bierkrug. Die Kollegin mit Doppelnamen und Birkenstock entdeckt einen tieferen Sinn, eine Botschaft: „Die Amphibien sind das stammesgeschichtlich älteste Taxon der rezenten Landwirbeltiere. Am Anfang war das Wort. Christus lebt in beiden Welten. Da passt der Frosch!“ befindet sie. „Und das Bier?“ „Das Bier im Hier“, grinst sie. „Damit solidarisiert Er sich mit den Schwachen, die sich keinen Wein leisten können. Und mit den Frauen und den Kindern.“ „OK, aber warum Bier?“ will ich wissen. „Weil der Brauerstern ein Hexagramm ist. Und das ist ein gnostisches Symbol, das die Vereinigung Christi und der Sophia, das heißt die Vergöttlichung des Menschen symbolisiert.“ Soviel Humor hätte ich ihr nicht zugetraut. Und auf die Frage, weshalb der Davidstern ein Hexagramm ist, verzichte ich. Nicht mein Bier! Das Geschwafel, das Hineininterpretieren, wo m. E. nichts gemeint und nichts zu erkennen war, ging mir so auf den unheiligen Geist, dass ich als Kontrastprogramm zur obligatorischen Morgenandacht (mit ökologisch-sozialpolitischen Inhalten) am letzten Abend eine "alternative Abendandacht" inszenierte. Ich hatte während einer Zigarettenpause vor der Tür des Hauses mit Blick auf mein dort geparktes Fahrrad einem Mitleidenden gegenüber angemerkt, dass ich jenes Vorderrad ebenso gut zum Gegenstand religiöser Kunst erklären könnte. "Mach doch!" bekräftigte er. „Ich fertige das Altarbild, so wie Du es haben willst. Eine Ikone, quasi als Kontrast.“

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Quo Vadis ? Die Vorgeschichte

Ich erinnere mich an eine Lehrerfortbildung auf Norderney (nach 1990), bei der es um „Moderne religiöse Kunst“ ging. Die Insel ist ein verlockendes Ziel, aber das Thema? Na, schau’n wir mal.
Joseph Beuys, Filz und Fett, Metall und Hasenpfote, Blut und Knochen. Die Kunst des Kündens. Selbstverliebt, am Fensterkreuz gekreuzigt. Das Kreuz als Festlegung des Schicksals, als Kreuzung der Kraftfelder, Mann und Frau, der unteren und der kosmischen Welt … Beuys, der Schamane, Wahrer unseres kulturellen Erbes; mittels Filzes und Fett, Metall und Hasenpfote, Blut und Knochen.
Alfred Hrdlicka, der selbsternannte Ultrastalinist, bekennender Atheist. Sein an Leonardo angelehntes Abendmahlsbild „Santa Maria delle Grazie - Leonardos Abendmahl, restauriert von Pier“ entartet – Pardon, politisch korrekter: … gerät zur Sex-Orgie homophiler und onanierender Jünger
. „Hinreißend“, meinen die Birkenstock-Jüngerinnen, „einfach umwerfend!“
Wunschdenken?
Martin Kippenberger schuf die Skulptur eines gekreuzigten Frosches mit herausgestreckter Zunge und Bierkrug. Die Kollegin mit Doppelnamen und Birkenstock entdeckt einen tieferen Sinn, eine Botschaft: „Die Amphibien sind das stammesgeschichtlich älteste Taxon der rezenten Landwirbeltiere. Am Anfang war das Wort. Christus lebt in beiden Welten. Da passt der Frosch!“ befindet sie.
„Und das Bier?“
„Das Bier im Hier“, grinst sie. „Damit solidarisiert Er sich mit den Schwachen, die sich keinen Wein leisten können. Und mit den Frauen und den Kindern.“
„OK, aber warum Bier?“ will ich wissen.
„Weil der Brauerstern ein Hexagramm ist. Und das ist ein gnostisches Symbol, das die Vereinigung Christi und der Sophia, das heißt die Vergöttlichung des Menschen symbolisiert.“
Soviel Humor hätte ich ihr nicht zugetraut. Und auf die Frage, weshalb der Davidstern ein Hexagramm ist, verzichte ich. Nicht mein Bier!

Das Geschwafel, das Hineininterpretieren, wo m. E. nichts gemeint und nichts zu erkennen war, ging mir so auf den unheiligen Geist, dass ich als Kontrastprogramm zur obligatorischen Morgenandacht (mit ökologisch-sozialpolitischen Inhalten) am letzten Abend eine "alternative Abendandacht" inszenierte.
Ich hatte während einer Zigarettenpause vor der Tür des Hauses mit Blick auf mein dort geparktes Fahrrad einem Mitleidenden gegenüber angemerkt, dass ich jenes Vorderrad ebenso gut zum Gegenstand religiöser Kunst erklären und in den Mittelpunkt einer Andacht stellen könnte.
"Mach doch!" ermunterte er mich. „Ich fertige das Altarbild, so wie Du es haben willst. Eine Ikone, quasi als Kontrast.“

QUO VADIS?

Liebe Brüder und Schwestern, im Folgenden LBS genannt, als bescheidener Dank an unsere Sponsorin, die LandesBauSparkasse, welche die heutige Andacht so uneigennützig gefördert hat. Politisch korrekt sollte es LSB heißen, aber der LandesSportBund konnte uns keine Mittel zusagen.
Die Ikone, LBS, der unsere heutige Betrachtung gilt, trägt den fragenden, suchenden, sagenden Titel „Quo vadis?“.
Unerforschlich sind Gottes Wege. Wissen wir wirklich, wer uns führt, was es ist – das da vor mir, dessen Spur ich zu folgen habe, ich folgen muß, ohne Anfang, ohne Ende, stets wiederkehrend? Lenkt es unseren Weg, oder bestimmen wir selber unseren Pfad? Was also ist es, das bewegt, bewegend uns bewegt, ungebremst zum Ziele rollt oder uns straucheln lässt, so sehr wir uns auch abstrampeln? Schaut her, LBS, schaut diese liebliche Ikone! Schaut und erschaudert!

Rad

Es ist das Vorderrad unseres Fahrrades, das somit vom Gefährt hier zum Gefährten wird. Habt ihr je dankend dieses himmlischen Radschlusses gedacht?!
Nein, ganz gewisslich nicht! Weshalb denn nach unten schauen, wo Ihr doch die da oben seid? Weil Ihr vorausschauen müsst, sagt Ihr. Weil Ihr Verantwortung habt, glaubt Ihr. Da sitzt Ihr nun, Ihr Heuchler, in Euren bequemen Sätteln und haltet Euch an Euren Lenkern fest und glaubt, dass Ihr lenkt. Ihr glaubt, dass Ihr den Weg, Euren Lebensweg, bestimmt und schaut – wenn überhaupt - verächtlich auf das Rad hinab. Ja, hinab, als sei es das Selbstverständlichste auf der Welt. Aber was wäret Ihr ohne dieses Rad? Radlos! Es gäbe keine Bewegung, kein Voran, kein Hinan. Lesen wir doch in dem Buch der Sprüche 8,13 und 14 ach so richtig die Worte: „Die Furcht des HERRN haßt das Arge, die Hoffahrt, den Hochmut und bösen Weg … Mein ist beides, Rad und Tat...“ Allein schon die Fahrt auf dem Hofe, die Hof-fahrt, ist arge Tat. Wie arg aber erst, wenn Ihr mit Seinem Rad auf den bösen Weg abfahrt?
Ihr seht nun, ohne Rad und Tat ginge es mit Euch bergab. Hinab in den Sumpf, hinab in den Pfuhl der Sünde.

Lasst uns nun dieses wirkmächtige Rad, dieses scheinbare Produkt einer sich selbst organisierenden Materie, dieses Alpha und Omega unseres Lebenspfades, abgebildet auf dieser ehrwürdigen Ikone, einmal näher betrachten. Seine untere Peripherie berührt die Tangenten unseres ureigenen Lebenspfades, während seine obere Peripherie sich, einem Regenbogen gleich, unter dem Himmel wölbt, hier versinnbildlicht durch das Schutzblech.
Schutzblech! Genau das ist es! Das ist es wahrhaftig! Ein blecherner Schild, der uns schützt, der uns beschirmt vor dem Schmutz, dem Schlamm, dem Abschaum, vor all dem, was unseren Pfad besudelt?! Und doch verbindet es Himmel und Erde, gleich dem Erlöser, der, aus den Wolken kommend, zur Erde herabstieg und sich erniedrigte, nur um Dich aus dem Morast der Erbsünde zu erretten.

Wie Ihr aus früheren Andachten wisst, LBS, enthüllt eine Ikone ihre Aussage in drei Hierarchien. Und so wollen wir dieses Rad nun betrachten, wie man es auf der Ebene der ersten Hierarchie zu erkennen vermag.
Woran erinnert Euch sein gleißendes Rund, ohne das der Pfad kein Voran, der Weg kein Ziel hätte, das weder Anfang noch Ende kennt, in dem das Alpha und Omega des Okzidents mit dem Ying und Yang des fernen Orients so geheimnisvoll verschmelzen? Ich gehe wohl nicht zu weit, wenn ich in diesem makellosen Rund des Reifs die strahlende Aureole erkenne! Es ist der Nimbus des HERRN! Sein Strahlenkranz! Seine Gloriole!
Und der Reif! Welche Tiefe, welches Profil! Und eben diese drei Millimeter Profil sind es – die Drei der heiligen Dreifaltigkeit –, die Dich auf Deinem Weg nicht ausgleiten lassen. Wenige Millimeter SEINES Profils genügen, um Deine fast 2000 Millimeter im Lot zu halten!
Doch weit mehr noch enthüllt diese erste Ebene:
40 Speichen entspringen einem Zentrum, dem Dreh- und Angelpunkt, und tragen den circulus crucis, wobei jeweils 4 einander – scheinbar zufällig – entgegengeordnet, das Kreuzessymbol bilden. 10 Kreuze sind es also, die, aus 40 Speichen gebildet, wegweisend in alle Richtungen zeigen. Wer denkt da nicht an die universell gültigen 10 Gebote? Wer denkt nicht an den Segen urbi et orbi, wobei urbs für Rom und orbis, für den Erdenkreis steht. Das ist, weltumfassend gesehen, die makro¬kosmische Überhöhung von Nabe und Rad.
Doch weit mehr enthüllt diese erste Ebene, auf der wir unsere Ikone betrachten: Auch die 40 Speichen sind ein Symbol, das augenfälliger nicht sein kann! Nach 40 Speichen endet die Drehung des Rades, um den Zyklus mit der 1. neu zu beginnen. Diese 1 steht für den Anfang, denn „Am Anfang war das Wort“, aber die 40 steht für Zeit und Raum, für die Dauer des langen und beschwerlichen Weges, auf dessen Ende ein Neuanfang folgt, nicht selten begleitet von jenem Wort, das am Anfang war.

40 Tage dauert die alles zerstörende Sintflut, danach ein klarer Neuanfang, Noah als Existenzgründer.
40 Jahre wandern die Hebräer unter Moses durch die Wüste, und aus dem wilden Haufen entlaufener Nomaden ist das Volk Israel geworden.
40 Tage blieb Moses auf dem Sinai, um dann die kalbsanbetende Horde unter das Wort, unter das Gebot zu stellen. Gleich ihm kam Jesus, der Zimmermann aus Nazareth, nach
40 Fastentagen als Rabbi aus der Wüste zurück, der dann der Menschheit sein Liebesgebot verkündigt.
40 Tage mystischer Existenz liegen zwischen Auferstehung und Himmelfahrt,
40 Tage, die aus dem irdischen Jesus den himmlischen Christus werden ließen. Und ...
40 Jahre bestand die DDR, eine Ruine selbst angemaßter Auferstehung. Doch am nun neuen Anfang steht das Wort von den blühenden Landschaften.

Hier im Bild, wo wir, LBS, das Rad aus einer eher seitlichen Perspektive sehen, transformieren sich die Speichen in diesem Kontext zur Mandorla, der ovalen Gloriole, die traditionell nur Ihn und die Jungfrau kennzeichnet. Wären sie tangential angeordnet, erblickten wir Joseph Beuys’ „Sonnenkreuz“; aber so wie sie sind, formen sie sich jedoch zur Dornenkrone, zur Krone, in deren Zentrum – unbeweglicher Mittelpunkt, doch sich selber um sich selbst drehend – die Nabe ruht, ruht und rollt, rollt und ruht. Und wirkmächtig wirkt sie, denn in der Ruhe liegt die Kraft!

Doch was, LBS, erkennt die zweite Hierarchie? Wer von Euch schon einmal in einer Krisensituation steckte, weil es kein Voran auf seinem Lebenspfad mehr zu geben schien, wer – weil er nicht auf der Strecke bleiben wollte – mit gnostischem Eifer in das Geheimnis der Nabe einzudringen suchte, dem brauche ich nicht zu sagen, was sie uns existential sein will, - nein, existential ist! Ihr Zentrum, das uns bislang apokryph oder mystisch erschien, offenbart sich als die „unbewegte Achse an sich“. Diese Gebärerin von Werden, Sein und Vergehen, ist selbst geboren aus dem Dualismus von je einer Ur-Mutter zu beiden Seiten der Gabel und wird dort in scheinbar verschrobener mütterlicher Liebe gehalten.

Sie, die Achse, ist Garant eures Lebensweges ( - sie! – liebe Schwestern; bemerkt das weibliche „sie“), sie ist das Letztendliche, um das alles Sein, alles Werden und Vergehen zirkuliert. Und doch, Schwestern, sie ist der Archetyp des Weiblichen, die Mutter, existentielle Präkondition, sie ist ideeller und ontologischer Urgrund dieses Kreislaufs materieller Existenz überhaupt. Nichts ist, wenn sie nicht ist.

Zurück zur Achse. Zwischen ihr und dem zylindrischen Rund, aus dem der Strahlenkranz der Dornenkrone notwendig entspringt, kreist ein Kosmos von Kugeln, gespiegelt von seinem Widerpart; es sind zwei Planetensysteme, die die zeitlos unbewegte Existenz der Achse zur Bewegung in Raum und Zeit transformieren. Das Sein dieser kosmischen Systeme begründet die Notwendigkeit der Dornenkrone, ohne die das Lebensrad nicht wäre. Wenn nicht für diesen Reif – Rad und Gloriole in einem – wofür dann sollten wir das Schutzblech brauchen? Wofür dieses Himmelsgewölbe, wenn es keinen irdischen Pfad gibt?

Gelangen wir nun, LBS, über die dritte Hierarchie zur vollen Erkenntnis des Gemeinten, indem wir den Schritt von der Dreifaltigkeit Mutter, Achse und Kosmos hin zur Dreieinigkeit der Nabe vollziehen. Nabe! Das Wort allein verweist schon auf das, was die speicherne Dornenkrone so sinnfällig überhöht. Wer denkt bei ‚Nabe’ nicht an die Wundmale des Erlösers?

Fassen wir unsere wundersame Entdeckungsreise durch den menschlichen Mikrokosmos, der Technik des Rades, zusammen, dann erkennen wir das, was dieser Mensch in seiner Verblendung für die Schöpfung seines kreatürlichen Geistes hält, als inspiriertes Abbild des transzendenten Urbildes. Dann ist dieser flackernde Schatten auf Platons Höhlenwand die Widerspiegelung des göttlichen Makrokosmos. Die zentrale Dreifaltigkeit von Ur-Mutter, von raum-zeitloser und transformierendem Kosmos, wird in der dreieinigen Nabe zum immanenten Speichenkreuz der Dornenkrone, aus der sich die Mandorla formt. Diese nun konstituiert das Rad des Lebens, das sich zeitgleich im Staub des Lebensweges und in himmlischen Sphären bewegt.

Jetzt begreifen wir das Rad als Symbol der ewigen Wiederkehr, komplexer noch, als Mythos des Aufstiegs und des Niedergangs – gleich dem Rad der Fortuna; oder auch als Mythos von Werden und Vergehen, somit als Rad des Lebens. Das Kreuz der Speichen steht hier als krönendes Zeichen der Versöhnung. Und so stehen wir also völlig unvermittelt vor der Fusion von Dornenkrone und Samsara. Dieses fernöstliche Rad des Seines verbildlicht den leidvollen Wiedergeburtenkreislauf, aus dem Befreiung zu finden, jedermann bemüht sein sollte.

Jenes hinduistische Rad der Wiedergeburt, dessen ruhendes Zentrum, dessen Achse, das göttliche Brahman ist, hat nur ein Ziel, auf das es sich hinbewegt: das Brahman! Es ist auf dem Weg zu sich selbst. Auf dem Weg zum Nirwana, würde Buddha sagen und auf seinen Achtgliedrigen Pfad verweisen, der – ebenso über das Rad der Wiedergeburt – zur ursprünglichen Glückseligkeit des seienden Nichtseins, des Nirwanas zurückfindet.

Der schmale Weg, dem Christian in John Bunyan’s „Pilgrim’s Progress“ folgt, führt letztendlich in das Paradies, aus dem Adam und Eva vertrieben wurden und in das wir am Ende unserer Tage einzugehen hoffen.

Einen weiten und schwierigen Weg scheint auch der lange Marsch der orthodoxen Marxisten vorauszusetzen. Aber wie einfältig reaktionär sind jene sich für progressiv haltenden Linken, wenn sie uns schrecken wollen, indem sie skandieren: „Wenn mein starker Arm es will, stehen alle Räder still!“ Nein, sagen wir! Charley Chaplins Räderwerk in Modern Times mögt ihr aufhalten; Charley und sein Mädchen gehen dann eben radlos auf der Straße dem Morgen entgegen.

Den Reif im Zeichen des Speichenkreuzes bremst ihr aber nicht. Und wir, in der Geborgenheit des Schutzbleches singen dreifältig progressiv unser Bekenntnis: „Ja, mir san mit'm Radl da…“

Möge Euch also, LBS, diese Ikone die rechte Erkenntnis, das Wissen um den rechten Weg vermittelt haben:
Empfehlt dem HERRN Euren Weg und vertrauet auf Ihn!
Haltet fest am Lenker, - am Lenker, zu dem wir uns bekennen!
Vertraut auf das Rad, SEIN Rad, welches Euch bewegt.

So gelangt Ihr von der leidvollen Via Dolorosa des Heilands über den Achtgliedrigen Pfad, der das Leid aufhebt, zum alleinseligmachenden Highway to Heaven. Dann heißt es:
„Klingelt, und es wird Euch aufgetan.“
Sollte Euch aber Unbill widerfahren, ein Schicksalsschlagloch vielleicht, oder ein noch nicht erleuchteter Laternenpfahl, denkt an den Psalm 37, wo David Euch versichert:
„Der HERR wird’s schon richten!“

Im Sinne unserer ehrwürdigen Ikone spende ich Euch diesen Reisesegen:

„Rollt dahin im Schutze des Bleches und habt Luft im Reifen bis ans Ende Eures Weges. Amen“.

 

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